The Adicts im Schlachthof Wiesbaden oder Die Kunst Abschied zu feiern
Abschiedstourneen sind oft von Nostalgie geprägt. The Adicts hingegen verwandeln den Gedanken ans Ende lieber in eine Feier. Im Schlachthof Wiesbaden eröffnen die britischen Punkrock-Veteranen am 10.06.2026 ihre „Adios Amigos“-Deutschlandtour und zeigen eindrucksvoll, warum sie sich über fast fünf Jahrzehnte hinweg einen Kultstatus erspielt haben.
Den Auftakt übernehmen Loaded aus Mannheim. Obwohl sich die Halle zu diesem frühen Zeitpunkt erst langsam füllt, nutzt die Band die Gelegenheit, um ihr Publikum mit schnörkellosem Punkrock auf Betriebstemperatur zu bringen. Mit ihrer aktuellen Single „Get On The Street“ bleiben die Kurpfälzer ihrem Stil treu: direkte Songstrukturen, agile Gitarrenriffs und immer wieder dieser markante Ska-Offbeat, der den Stücken zusätzlichen Schwung verleiht. Die eingängigen Refrains samt obligatorischer „Whoa-oh“-Chöre werden schnell aufgegriffen.
Maid of Ace erhöhen anschließend deutlich das Tempo. Die vier Musikerinnen liefern eine explosive Mischung aus klassischem Punkrock, rotzigem Rock’n’Roll und eingängigen Melodien. Wütend, direkt und kompromisslos, zugleich aber erstaunlich tanzbar. Jede der vier Frauen hat ihre eigene Bühnenpersönlichkeit, gemeinsam bilden sie eine allerdings eine geschlossene Einheit. Ihr selbstbewusstes Auftreten steht exemplarisch für eine neue Generation von Musikerinnen, die sich Genres aneignet, die lange als Männerdomänen galten.
Während der Umbaupause füllt sich der Schlachthof zusehends. Zwischen Lederjacken, Bandshirts und ergrauten Punkfrisuren begegnen sich verschiedene Generationen. Punker, Ex-Punker und Lebenskünstler versammeln sich unter einem Dach. Viele tragen Fankleidung, auch schwarze Melonen – eine unverkennbare Referenz an die „Droogs“ aus Stanley Kubricks „Clockwork Orange“, deren Ästhetik The Adicts seit ihrer Gründung prägt.
Als bald die Ramones und gleich darauf das Intro aus dem Soundtrack des Films Clockwork Orange erklingen, drängen die Fans nach vorne. Die Spannung steigt mit jedem Takt. Hinter dem Schlagzeug erhebt sich das überdimensionale Bandlogo, auf einem der Amps prangt das ikonische Clownsgesicht von Frontmann Keith „Monkey“ Warren dem Publikum entgegen. The Adicts waren nie einfach nur eine Punkband. Sie sind ein Spektakel, ein Theaterstück, ein Zirkus – und genau das liefern sie auch an diesem Abend.
Mit Beginn des Sets verwandelt sich die Bühne in ein anarchisches Varieté. Konfettikanonen explodieren, Spielkarten segeln durch die Luft und Monkey wirbelt wie ein Besessener über die Bretter. Als er seinen Regenschirm öffnet und meterlange Lamettaschlangen herabfallen, wirkt die Szenerie gleichermaßen märchenhaft und grotesk. Die Bilder erinnern an einen surrealen Jahrmarkt, irgendwo zwischen „Der Zauberer von Oz“ und Punkrock-Kabarett.
Monkey bleibt dabei die zentrale Figur der Show. Mit listigem Grinsen, weit aufgerissenen Augen und unermüdlicher Energie tänzelt er über die Bühne. Mal wirkt er wie ein Zirkusdirektor, mal elegant, mal wie ein durchgedrehter Clown. Während vor der Bühne die ersten Pogokreise rotieren, beginnt seine Schminke langsam zu verlaufen. Im Verlauf des Konzerts verschwindet die Maske immer mehr. Gerade auf dieser Abschiedstour bekommt dieser Prozess eine unerwartete Symbolkraft: als würde die Kunstfigur Monkey nach und nach hinter dem Menschen Keith Warren zurücktreten.
Für lange Ansagen bleibt kaum Zeit. The Adicts jagen durch ihren umfangreichen Backkatalog und lassen keinen Hit aus. „Let’s Go“, „Tango“, „Johnny Was A Soldier“ oder „Angel“ besitzen noch immer jene rohe Energie, die den Sound der Adicts zeitlos macht. Die Songs wirken weder nostalgisch noch angestaubt. Sie leben, sie schwitzen, sie treiben die Menge vor sich her.
Auch die übrigen Bandmitglieder präsentieren sich in bester Spiellaune. Ganz in Weiß gekleidet, lachen sie und genießen sichtlich die Zustimmung des Publikums. Sie bilden den perfekten Gegenpol zur theatralischen Präsenz ihres Frontmanns. Immer neue Gimmicks halten die Show in Bewegung. Ein aufblasbarer (mit Bier gefüllter) Riesenbierkrug fliegt ins Publikum, das zunächst irritiert reagiert und kurz darauf umso ausgelassener feiert. „You alright out there? Let’s fuck it up!“, ruft Monkey in die Menge – und erhält die passende Antwort in Form einer wogenden, tanzenden Masse.
Als „Viva La Revolution“ erklingt, singt der gesamte Schlachthof mit. Wenig später bildet „You’ll Never Walk Alone“ den emotionalen Schlusspunkt eines Abends, der weit mehr ist als ein gewöhnliches Punkkonzert. Monkey steht inzwischen oberkörperfrei auf der Bühne, die Schminke ist verschwunden. Luftballons schweben durch die Halle, ein riesiges Herz erhebt sich über den Köpfen der Fans, während Band und Publikum die letzten Minuten gemeinsam auskosten.
Als das Saallicht wieder angeht, verlassen die Besucher die Halle mit Konfetti in den Haaren, Erinnerungsstücken in den Händen und einem breiten Grinsen im Gesicht. Vor allem aber nehmen sie das Gefühl mit, Zeuge eines besonderen Moments geworden zu sein. Denn was The Adicts in Wiesbaden präsentieren, fühlt sich nicht wie ein Abschied an. Es wirkt vielmehr wie eine Verewigung ihrer eigenen Legende. Und genau deshalb passt die letzte gemeinsame Hymne dieses Abends so gut: You’ll Never Walk Alone“
Fotos von Andreas Schieler