Wargasm hinterlassen ein dampfendes Kesselhaus Wiesbaden

Wargasm hinterlassen ein dampfendes Kesselhaus Wiesbaden
Wargasm - 13.06.2026 Schlachthof Wiesbaden

Sieben Tage nach Rock am Ring, wo Wargasm vor vielen hunderten Fans für kollektiven Kontrollverlust gesorgt haben, landet das Duo im Kesselhaus des Schlachthofs Wiesbaden. Ein Club, drei Bands, wenige Pausen: Farewell Spit aus Koblenz und Mimi Barks aus London bringen das Publikum ins Schwitzen, bevor Wargasm am 13. Juni 2026 den Rest erledigen. Wer glaubt, nach dem Festivalmodus wird es entspannter, irrt sich gründlich.

Noch keine halbe Stunde nach Einlass ist der Club nahezu voll. Farewell Spit legen brachial mit „Bad Fakes“ los. Das Koblenzer Quartett, 2018 gegründet, spielt modernen Alternative Metal mit druckvollen Gitarren – und findet mit ihrem selbsternannten „Heavy Pop“ schnell Anklang. „Dark Days“, „Lights“, „Guilty“ und eine Cover-Version von Paramore’s „Misery Business“ greifen schnell. Das Publikum hüpft und testet die ersten Moshpit-Muskeln. Dass der Bassist selbst noch außer Puste ist, hält ihn nicht davon ab, weiter anzufeuern. Zwischen den Songs gibt Sängerin Alicia Rössler der Message Raum: Toleranz und Selbstbestimmung, teils aus eigenen Erfahrungen, die bis heute nachwirken. „Other Side“ setzt nach 30 Minuten den Abschluss, und zurück bleibt das Versprechen, nachher am Merch mit Farewell Spit zu „schnacken“.

„States of Consciousness“ legt den Startschuss für Mimi Barks. Im langen Fellmantel stürmt die in London lebende, gebürtige Bochumerin auf die Bühne. Den warmen Mantel behält sie nicht lange. Schon zu „Dreamstate of Hell“ und „Ophelia“ geht es bequemer, aber nicht weniger schweißtreibend weiter. Die Fans drehen zu „Jericho“ und „Power durch Verrat“ weiter auf. Die Temperatur im Kesselhaus steigt unaufhörlich. Neben der Sängerin mit den orangefarbenen Haaren steht nur ihre Gitarristin auf den Brettern, im Hintergrund treibt der Drummer die Beats an, viele Parts kommen aus dem Synthesizer. Musikalisch verbindet Mimi Barks aggressive, selbstreflexive Texte mit Trap, Hip-Hop und Doom Metal. Inhaltlich pendeln ihre Songs zwischen Selbsthass, persönlicher Neuerfindung und der Verarbeitung ihrer Jugend. Dazwischen blitzt immer wieder ein vorsichtiger Blick nach vorn auf. „Könnt ihr mir helfen, meine Gegner im Moshpit zu begraben?“, fragt Mimi und wirft zwei eingewickelte Puppen wie Leichen aus einem Kofferraum in die gröhlende Menge. Es dauert nicht lange, da wirft sie sich selbst hinterher. „Back off“ und „Klingen & Stitches“ lassen keine Verschnaufpause. Zu „Wormgirl“ geht das komplette Haus gemeinsam, auf Kommando in die Hocke, um Sekundenbruchteile später zu explodieren. Mimi Barks wieder mittendrin. Beim letzten Song „Big Ass Chains“ lässt sie sich kurz von den Fans tragen, dann verschwindet sie schnell und wortlos.

Als die ersten Takte von „Backyard Bastards“ durch das Kesselhaus krachen, entsteht vorne ein Gedränge, als wäre der Raum plötzlich halb so groß. Wargasm – Milkie Way an Gesang und Bass, Sam Matlock an der Gitarre und ebensfalls Gesang – zünden sofort. Die Elektrobeats hämmern so tief in die Magengrube, dass man sie eher spürt als hört. Das 2019 in London gegründete Duo entzieht sich jeder Genre-Schublade: NuMetal, Post-Hardcore, EDM und Hip-Hop laufen ineinander. Gerade diese Verweigerung einer klaren Zuordnung funktioniert live besonders überzeugend. Im Wiesbadener Club entwickelt dieser Mix eine fast physische, kinetische Energie.

„Vigilantes“ folgt, dann „Bad Seed“. Das Tempo bleibt hoch, die Ansagen sind kurz und auf den Punkt. Denn Wargasm brauchen keine Moderation, die Musik spricht selbst. Matlock fragt kurz, ob das Publikum E-Gitarren liebt. „Fukstar“ gibt die Antwort und lässt keinen Zweifel, bevor „Get Down“ erneut das kollektive Kommando gibt: alle in die Hocke, alle gleichzeitig hoch. „Wiesbaden, könnt ihr zeigen, was ein Circlepit ist?“, möchte Milkie Way wissen. Das Kesselhaus kontert mit einem mächtigen Rundlauf. Ab diesem Moment beschreibt Sport in der Sauna den Abend präziser als jedes Bild. „Pyro Pyro“ und „Shin Venom“ lassen keine Minute zum Durchatmen. Sam Matlock – Sohn von Sex Pistols-Bassist Glen Matlock und Ex-Gitarrist von Dead! – wirbelt mit und ohne Gitarre über die Bühne. Milkie Way, das nordirische Model und ehemalige Yungblud-Bassistin, treibt am Mikro und am Bass gleichzeitig voran. Beiden rinnt der Schweiß den Körper, den Fans stellenweise mehr.

Vor ihrem Banner „A Sordid Collusion Of Euphoria & Violence“ spielen die beiden ohne Pause. Auf Milkie Ways „Hey Ladies!“ kommen schrille Schreie zurück. „Bang Ya Head“ ist nicht nur Titel, sondern Anweisung, die willenlos befolgt wird. Wargasm nehmen sich einen Moment, um den Vorbands zu danken, bevor „Modern Love“ folgt. Der angekündigte Lovesong trägt noch so viel Dynamik in sich, dass es manche kurz nach hinten oder nach sogar draußen treibt. Nur kurz. „Small World Syndrome“ und „Feral“ reißen den Moshpit wieder auf, „D.R.I.L.D.O.“ setzt macht dort weiter. „Bounce, bounce!“, animiert Matlock. Da landet der erste Crowdsurfer direkt vor seinen Füßen auf der Bühne. Weitere folgen und der Keyboarder muss kurz als Security aushelfen. Die Band hat es nicht anders gewollt. Den Abschluss macht „Do It So Good“ und niemand steht mehr still.

Als nach etwa 70 Minuten das Licht angeht, dampft das Kesselhaus noch immer. Wargasm haben Wiesbaden einen Abend ohne Leerlauf geliefert: laut, schweißtreibend und permanent in Bewegung. Wer jetzt noch trockene Kleidung hat, stand vermutlich im falschen Raum. Live entfaltet das Duo eine Wucht, die selbst die Studioversionen nur andeuten.

Andreas Schieler

Leitung, Redakteur und Fotograf