Three Days Grace – Zwischen Moshpit und Gänsehaut in Frankfurt

Three Days Grace – Zwischen Moshpit und Gänsehaut in Frankfurt

Frankfurt am Main, 09.06.2026 – Die Jahrhunderthalle ist ausverkauft. Der Innenraum füllt sich früh, die Ränge sind bis auf den letzten Platz besetzt. Noch bevor die ersten Töne erklingen, liegt eine spürbare Spannung in der Luft. Es ist einer dieser Abende, an denen man schon beim Betreten der Halle ahnt, dass hier mehr passieren wird als nur ein weiteres Konzert.

Den Auftakt übernehmen Catch Your Breath. Die US-Amerikaner liefern ein druckvolles Set zwischen Metalcore, Alternative Rock und modernen Post-Hardcore-Einflüssen ab. Bereits früh füllt sich der Innenraum merklich, und die Band schafft es mühelos, das Publikum auf Betriebstemperatur zu bringen. Kraftvolle Vocals, eingängige Refrains und jede Menge Energie sorgen dafür, dass die Zuschauer nicht nur auf den Headliner warten, sondern die Support-Show bereits begeistert mitfeiern. Schon während ihres Sets tauchen die ersten Crowdsurfer über den Köpfen der Menge auf. Die Stimmung ist also bereits da.

Im Rahmen ihrer aktuellen „Alienation Tour 2026“ machen die Kanadier Three Days Grace an diesem Abend Station in Frankfurt. Die Tour verbindet neue Songs des aktuellen Albums mit den Klassikern, die die Band über Jahrzehnte geprägt haben. Gleichzeitig bringt sie etwas mit, das für viele Fans besonders ist: Mit Adam Gontier und Matt Walst stehen zwei Sänger auf der Bühne, die unterschiedliche Kapitel der Bandgeschichte verkörpern und diese gemeinsam weitererzählen.
Als Three Days Grace schließlich die Bühne betreten, entlädt sich die aufgestaute Vorfreude innerhalb weniger Sekunden. Jubel brandet durch die Halle, Arme schnellen in die Höhe und tausende Stimmen begleiten die ersten Songs. Von diesem Moment an entsteht eine Dynamik, die den gesamten Abend trägt.
Das Bühnenbild ist dabei bewusst auf Nähe ausgelegt. Das Schlagzeug thront auf einem Podest im Hintergrund, ein langer Steg führt in die Menge hinein. Immer wieder suchen die Musiker den direkten Kontakt zu ihren Fans. Doch eigentlich braucht es diese Wege gar nicht. Die Verbindung zwischen Bühne und Publikum ist vom ersten Moment an spürbar.
Mit Songs wie „Animal I Have Become“, „Break“, „Never Too Late“, „Painkiller“, „Riot“ und „I Hate Everything About You“ liefern Three Days Grace einen Höhepunkt nach dem anderen. Dazwischen finden auch die neuen Songs ihren Platz und fügen sich in das Set ein. Dabei entsteht nie das Gefühl einer bloßen Aneinanderreihung von Hits. Stattdessen entwickelt sich ein Abend, der von einer besonderen Wechselwirkung lebt: Die Band gibt Leidenschaft ins Publikum und bekommt sie tausendfach zurück.
Später, von den oberen Rängen aus betrachtet, zeigt sich das ganze Ausmaß dieser Stimmung. Wohin man blickt, sind Arme in der Luft. Menschen singen jede Zeile mit, springen, feiern und verlieren sich für ein paar Stunden vollkommen im Moment. Die Jahrhunderthalle wirkt zeitweise wie ein einziger lebendiger Organismus. Die Band selbst zeigt sich sichtlich beeindruckt von der Reaktion des Frankfurter Publikums. Mehrfach wird betont, wie sehr sie Deutschland lieben und was für eine „fucking amazing crowd“ sie an diesem Abend vor sich haben. Die Worte wirken ehrlich, weil sie genau das beschreiben, was in der Halle passiert. Die Energie kommt nicht nur von der Bühne. Sie kommt nicht nur aus dem Publikum. Sie entsteht genau dazwischen.
Bei „Painkiller“ öffnen sich erneut Moshpits im Innenraum. Menschen springen, rempeln sich gegenseitig an, helfen sich wieder auf und feiern gemeinsam. Doch eigentlich zieht sich dieses Bild durch den gesamten Abend. Kaum schließt sich ein Pit, entsteht an anderer Stelle der nächste.
Auch die Crowdsurfer gehören von Beginn an zum Bild dieses Konzerts. Als Adam bei „Good Life“ dazu aufruft, über die Menge zu surfen, lässt die Reaktion nicht lange auf sich warten. Schon zuvor sind immer wieder Fans über die Köpfe der Zuschauer getragen worden, doch nun scheint sich der gesamte Innenraum noch einmal in Bewegung zu setzen. Von oben aus gesehen entsteht zeitweise der Eindruck, als würde ein stetiger Strom von Menschen auf Händen durch die Halle Richtung Bühne treiben.
Doch dieser Abend lebt nicht nur von Lautstärke und Bewegung. Immer wieder richtet sich der Blick zurück auf die Geschichte der Band. Auf der LED-Wand erscheinen alte Fotos, private Aufnahmen, Erinnerungen aus Kindheit und Jugend sowie Bilder vergangener Tourneen. Die Rückblicke wirken persönlich und nahbar. Sie erzählen von einer Band, die viele Menschen über Jahre und Jahrzehnte begleitet hat. Besonders emotional wird es, als ein langjähriger Wegbegleiter der Band in einem Videobeitrag über die Anfänge spricht. Über die Zeit, bevor aus Ideen und ersten Songs eine international erfolgreiche Rockband wird. Die Botschaft führt zurück zu den Wurzeln, „Back To The Roots“ – und genau dort setzt auch der nächste Teil des Konzerts an:
Die große Rockshow tritt für einen Moment in den Hintergrund. Es wird intensiv mit einem Akustikteil. Die Band versammelt sich gemeinsam am Bühnenrand. Alle Musiker sitzen dicht beieinander mit Akustikgitarren in der Hand. Auch ein Gastmusiker, ein Cousin von Adam Gontier, ergänzt die Runde und fügt sich nahtlos in dieses intime Bild ein. Neil Sanderson verlässt dafür sein Drum-Podest und greift stattdessen zu einer Cajón, auf dem er sitzend den Rhythmus mit den Händen spielt. Die große Bühne reduziert sich in diesem Moment auf eine kleine, beinahe kreisförmige Session. Kein Abstand, keine Distanz – nur Musiker, die gemeinsam spielen. In dieser reduzierten Formation entsteht eine völlig andere Atmosphäre. Die Halle wird stiller, konzentrierter. Jeder Ton wirkt näher, unmittelbarer. Und genau diese Nähe verstärkt die Wirkung des Moments.
Ein intensiver Augenblck gehört Adam Gontier. Allein mit seiner Akustikgitarre steht er an der Spitze des Stegs und stimmt Radioheads „Creep“ an. Die ersten Zeilen singt er beinahe ohne Verstärkung. Plötzlich wird es still. Nicht die angespannte Stille eines wartenden Publikums, sondern die konzentrierte Ruhe von Menschen, die jeden Ton hören möchten. Alle scheinen den Atem anzuhalten. Erst langsam wächst der Song. Dann setzen Verstärker und die Stimmen des Publikums ein und tragen den Refrain gemeinsam durch die Halle.
Kurz darauf leuchten überall Handylichter auf. Tausende kleine Lichtpunkte verwandeln die Jahrhunderthalle in ein funkelndes Meer aus Lichtern. Die Energie des Abends verschwindet nicht. Sie verändert lediglich ihre Form. Wo wenige Minuten zuvor noch Crowdsurfer über die Menge getragen wurden, entsteht nun eine Atmosphäre voller Nähe und Verbundenheit. Genau dieser Wechsel macht den Abend so besonders.
Three Days Grace schaffen es, Härte und Emotion, Vergangenheit und Gegenwart, Moshpit und Gänsehaut miteinander zu verbinden. Die beiden Sänger verkörpern diese Idee dabei perfekt. Gemeinsam führen sie durch die verschiedenen Kapitel der Bandgeschichte und zeigen gleichzeitig, dass die Band längst nicht nur von ihrer Vergangenheit lebt.
Als die letzten Songs des Abends erklingen, erreicht die Stimmung noch einmal ihren Höhepunkt. Die Halle singt, springt und feiert. Niemand scheint müde zu sein. Niemand möchte, dass dieser Abend endet.
Three Days Grace liefern in Frankfurt weit mehr als eine weitere Station ihrer „Alienation Tour 2026“. Sie geben ihren Fans einen Abend voller Erinnerungen, Leidenschaft und Gemeinschaft. Einen Abend, an dem die Energie nie verschwindet und genau deshalb noch lange nachhallt.

Silke Kemmer

Redakteurin und Fotografin