NOAF feiert 20 Jahre-Wahlverwandtschaften 2.0 (Metal Edition)

NOAF feiert 20 Jahre-Wahlverwandtschaften 2.0 (Metal Edition)
Saxon - 29.08.2026 Neuborn Open Air Festival

Auf dem Weg Richtung Wörrstadt steigt die Vorfreude. Zum NOAF zu fahren ist wie heimkommen zur Familienfeier. Also eine, auf die man sich freut. Und dieses Jahr wird ein Jubiläum gefeiert; 20 Jahre Neuborn Festival und alle sind der Einladung gefolgt. Auch Saxon, die im letzten Jahr krankheitsbedingt absagen mussten.

Als wir aufs Gelände laufen, begrüßen uns die harten Klängen von Truth Grip. Die Metallic Hardcore Band aus Frankfurt legt vor, während der Platz vor der Bühne sich erst langsam füllt. Kinder mit Kopfhörern rennen in kleinen Gruppen über das Gelände, die kindliche Früherziehung wird ernst genommen.

Der zweite Act kommt auf die Bühne und legt ohne Allüren los: „Hallo, wir sind Wedge aus Berlin. Wir haben zwei Platten dabei. Kauft die rote. Der nächste Song ist auch auf der drauf: „Computer.“ Wenn Jimmy Hendrix und Iron Butterfly ein Kind hätten und es in Berlin in den Musikkindergarten gebracht hätten, wäre Wedge rausgekommen. Mit sphärischen Zwischenklängen, vertrackten Riffs und längeren rein instrumentalen Strecken begeistern sie das Publikum. So nüchtern, wie sie sich selbst vorstellen, um so spannender ist ihre Bandgeschichte. Gegründet in der Berliner Underground-Rock-Freak-Szene spielten sie schon über 400 Shows in vielen europäischen Ländern. Eine Vielfalt, bei der Wörrstadt locker mithalten kann. 

Vor der Bühne tanzen Kuttenträger gemeinsam mit einer Gruppe mit Pylonenhutträgern und niemand wundert sich. Wer hier ist, ist wahlverwandt. Und während der Himmel langsam zuzieht, bleibt auf dem Acker alles entspannt. Die NOAF-Crew lächelt hinter den Theken, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und versorgt alle, die wollen, mit Essen und Getränken. Wer weder durstig noch hungrig ist, stöbert bei den Verkaufsständen oder beim Merch. 

Dann starten Nervosa mit growlender Girlpower. Die Thrash Metal Band aus Sao Paulo dreht konsequent die Pegel höher und lässt alle den einsetzenden Regen vergessen. Alle Augen sind auf die Bühne gerichtet: Das Quintett spielt ein rundes Set rund um ihr neues Album Slave Machine. Gitarristin Prika Amaral, neuerdings zur Sängerin erkoren, faucht zu düsteren Metalklängen mit eingängigen Refrains, das kommt an und lässt die Leute trotz des Wetterumschwungs jubelnd vor der Bühne verweilen, bis sich die Band schließlich mit dem Versprechen bald wieder nach Deutschland zu kommen, unter lautem Applaus von der Bühne verabschiedet.

Zu Elwood Stray reisst der Himmel wieder auf. Die Jungs aus Essen sehen auf den ersten Blick nicht aus wie Musiker einer Posthardcore Band. Sondern eher so, als hätten sie letztens noch in Charlottenburg einen Kaffee mit Erbsenmilch bestellt. Um so härter trifft das Brett, als sie loslegen: Die Jungs sind so laut, dass der Boden bebt. Alle, die noch ohne Gehörschutz sind, werden sich heute mit klingelnden Ohren ins Bett legen. Das Set bleibt bis zum letzten Song „Shattered“ spannend und dicht, mit anspruchsvollen Tempiwechsel und von melodisch zu core. Dass Gitarrist Fabian singt, während der Leadsänger Maik schreit sorgt für eine abwechslungsreiche Mischung. Elwood Stray sind growl- und sprungsicher und irgendwo in einem Café in Essen oder vielleicht auch in Berlin, schwappt gerade der Kaffee aus dem Becher.

Grave Digger hingegen wird niemand verwechseln. Im Rahmen ihrer Tunes of War (30th Anniversary Tour) kommt Gladbeck`s finest in Metal mit großem Besteck nach Wörrstatt. Es ist nicht ihr erster Besuch auf dem Festival und sie wurden offensichtlich erwartet. Im Publikum erheben sich die Teufelshörner und nicht wenige sind in Bandshirts unterwegs. Nebel steigt auf der Bühne hoch, Pipes erklingen und ein übergroßer Totengräber blickt vom Bühnenplakat in die Menge und weist den Weg. Wie auferstanden kommt Sänger und Gründungsmitglied Chris auf die Bühne und bellt: „Wollt ihr handgemachten Heavy Metal?“ Kompromisslos und ohne Schnörkel aus anderen Gefilden. Straighter Heavy Metal- Kein Klick, keine abgespulten Intros oder auffüllende Soundlayers, wie es bei vielen Bands moderner Metalgenres längst üblich ist. Das Set überzeugt, mit altbewährter Rezeptur und einem Sound, den man auf dem NOAF mit einem Hang zur Nostalgie zu schätzen weiß.  Die Band bringt eine ganze Reihe langhaariger und -jähriger Fans mit, welche es der Band leicht machen die Stimmung oben zu halten. Man hat sichtlich Spaß. „Excalibur“ ist einer ihrer letzten Songs und es ist nur dem Zeitplan geschuldet, dass sie die Bühne am Ende verlassen. 

Inzwischen ist es ganz dunkel geworden. Leiser wird diese Feier jedoch noch lange nicht. Mit Strobolicht und lautem Quietschen entern Paleface Swiss die Bühne. Kein Intro, dafür ein aggressiver Mix aus Hardcore, Nu Metal und Deathcore. Die Züricher fluchen, was das Zeug hält, und fordern auch die Menge dazu auf. „This world is fucked!“ Sie pressen und bauen eine brachiale Soundwall auf. Sänger Marc „Zelli“ Zellweger nimmt kein Blatt vor den Mund, predigt eine gute Zeit und singt vom miserablen Leben, animiert in den Pausen und bellt unermüdlich und mit beeindruckenden Tempo die Lyrics in die Dunkelheit, düster und offensiv. Die Motivationsansagen tragen schließlich Früchte und sorgen für ordentlich Bewegung und Circle Pits vor der Bühne, während mancher Traditionalist jetzt eher die Chance sieht den Bier- und Schorlepegel beim unermüdlichen NOAF-Personal zu füllen.

Den Abschluss machen Skindred, fünf Walliser aus Newport. Und sie haben keine Schlaflieder im Gepäck. Im Gegenteil, jetzt nimmt die Party noch mal eine neue Wendung. Was haben Ska, Metal, Hip Hop und Ragga gemeinsam? Genau: Skindred, welche das NOAF nicht zum ersten mal beehren. Und sie haben ihr aktuelles Album „You Got This“ im Gepäck. Jeder Song wird in einem anderen Outfit performt und neben ihren eigenen Songs interpretieren sie noch den einen oder anderen Banger aus den verschiedensten Musikgenres. Und die Menge muss mitmachen und zwar genau so, wie Sänger Benji es verlangt. Erst dann wird weiter gemacht. Es ist bunt, laut und anders. Ein Pferd wiehert, es trötet. Neben uns äußert ein Zuschauer mit Schorleblick: „Was passiert hier eigentlich gerade?“ , und jumpt mit. Der Auftritt ist wie eine Eightballkugel, die jedes Mal nach dem Schütteln eine andere Antwort hat. Nur eben mit Glitzer und Geräuschen. Jeder auf der Bühne hat seine eigene Rolle: Ein ZZ Top Impersonator (Michael Fry) an der Gitarre, am Bass T-Bone Steak Tommy, der HipHopper am Schlagzeug der Metaller Mr. Arya Goggin.

Von unfassbar vielen Eindrücken berauscht endet der erste Tag dieser Jubiläumsfeier. Wie gut, dass es noch den Samstag gibt. Nach einem Jahr Pause hätte ein Tag für ein Wiedersehen nicht gereicht.

NOAF TAG 2

Was folgt nach einem fantastischem Tag auf dem Neuborn Festival? Ganz klar: ein zweiter. Diesmal spielt Monosphere als Opener zur Mittagszeit. Das Wetter verspricht stabil zu bleiben und zieht damit mit den Veranstaltern, den Bands und Besuchern gleich. Familienfest, die Zweite, wir gehen rein. 

Die vier Jungs von Monosphere bewegen sich mit ihrer Musik irgendwo zwischen Karnivool und The Ocean. Atmosphärische Postmetal-Klänge ziehen über das Gelände, das sich schon wieder füllt. Ihr drittes Album „Amnesia“ ist seit März auf dem Markt. 

Danach wird es düster mit Kryn. Die Kroaten kommen mit schweren Riffs und dunklen Melodien. Karlo, der Sänger, growlt und faucht abwechselnd zu melodischem Gesang, der immer wieder von einer dröhnenden Soundwall abgelöst wird. Vor ihrem letzten Song „Rewind“, spielen sie ein Cover von „Mad World“ von Tears for Fears, das sie im März als  Single rausgebracht haben. Sie verabschieden sich unter Applaus und mit neuen Fans.

Bei strahlendem Sonnenschein entern March jetzt die Bühnenbretter. Die Niederländer aus Breda sind für Melodic Punk und Hardcore Rock bekannt. Mit ihrer rotzigen Art erinnern sie an „Baboon Show“, mit denen sie auch ihren Rage teilen und den Willen, ihre Botschaften mitteilen. Songs wie „Disconnected“ oder „Vultures“ sind das beste Beispiel dafür.

„Sisters of Rage“ ist „… for all opressed women.“, ruft Fleur, die Sängerin. Mit ihrer energetische Art treiben sie ohne Pause nach vorne und schaffen es, die langsam größer werdende Menge in einen Circle Pit zu bringen.  Nach kurzer ‚Verschnaufpause‘ beschließen die Niederländer ihr Set mit „Sometimes“ einem „… little lovesong, still loud though…“ und fordern ein letztes Mal zu einer Wall of Death auf.  

March haben abgeliefert und alle dazu gebracht, sich zu bewegen. Dafür drehen Chapel of Disease noch zusätzlich am Lautstärkeregler. Die Death Metal Band aus Köln, die schwer dräuenden Bluesrock und Doom-Elemente vermengen, schafft so progressive und psychedelischen Momente, welche mal an Pink Floyd mal an Black Sabbath erinnern, wird von den Drums so voran getrieben, dass mal wieder der Acker bebt. Ausgedehnte Soli im klassischen Soundkostüm und umfangreiche Songstrukturen mögen nicht mehr so im Trend moderner Metalmusik sein, kann aber wie in diesem Falle überzeugen und mitreißen. Dem Publikum jedenfalls gefällt es.

Langsam wird es es Abend und damit Zeit für Parasite Inc. Sie steigen mindestens so dezibelstark wie Chapel of Disease ein. Das Schlagzeug dominiert und treibt den Sänger immer schneller und lauter an. Das Publikum reist die Arme ohne Aufforderung nach oben. Das Gelände ist mittlerweile bevölkert und immer mehr drängen Richtung Bühne. Einem besonders engagiertem Fan wird von der Bühne aus ein Shirt nach der Show versprochen. Die minimalistische Bühnenkulisse wird von Sänger ironisch aufgegriffen (ein T-Shirt statt eines groß dimensionierten Bühnenbanners prangt über dem Schlagzeug, welches immerhin in bunten Scheinwerfern eingefasst ist). Das vergleichsweise karge Bühnenbild erklären sie mit der schlichten Tatsache, dass sie ihr Banner im Proberaum vergessen haben.. So zucken bei „Next World“  die Scheinwerfer bereits Lichtsalven in die Luft. Lightshow die Energie stehen also, und zwar auf der eins.

Währenddessen flanieren Männer in Einhorn-Outfits neben Iron Maiden Kuttenträgern über das Gelände, stehen Gruppen mit blinkenden Schmetterlingsflügeln hinter Besuchern in Steampunk-Montur für Bier und Weinschorle an, und bei untergehender Sonne wird die Bühne für The Real McKenzies fertig gemacht. Nach einem langen musikalischem Intro ist es soweit, die Folk Punk Band aus British Columbia, Kanada tritt auf. Getreu ihrer schottischen Wurzeln tragen sie zu ihren Kutten Schottenröcke und haben Dudelsäcke dabei. Sie sind laut, schnell. Sie sind Punk und Folk. Die Party beginnt. Und auf einmal finden sich auch im Publikum so einige Schottenrockträger, die es zur Bühne treibt, wo die Röcke der Bandmitglieder schwingen und kreiseln und den einen oder die andere Fotografin ins Schwitzen bringt. Frontmann und Gründer Paul McKenzie macht die Ansagen, Band und Crowd folgen. Praktisch jeder auf dem Gelände ist in Bewegung. 

Zwischen den Bands macht immer wieder Zahnie, das Urgestein der NOAF-Crew seine beliebten Ansagen. Zu diesem besonderen Jubiläum wurden 20 Rahmen mit Festivalbändchen aus den letzten 20 Jahren verlost. Der Gewinn aus den Loskäufen geht an die ehrenamtlichen Helfer, die das mehr als verdient haben. Sie sorgen schließlich nicht nur für den immer wieder reibungslosen Ablauf, sondern auch für die wundervoll ausgelassene und freundschaftliche Atmosphäre. Und um es so richtig spannend zu machen, verspricht Zahnie seine Leopardenhose, die mit Lüftungsschächten an den Arschbacken, die er schon beim ersten Festival vor 20 Jahren trug, zu zerschneiden und als Dreingabe zu den Rahmen zu verschenken. Einzelne Seufzer der Verzückung gehen im beliebten Hey NOAF unter, das über das Gelände schallt. 

Die Schottenröcke werden schließlich von Lederjacken und engen Jeans abgelöst. Grand Magus ist aus Stockholm gekommen.  Die drei Schweden drücken das Gaspedal ganz runter. Sie müssen sich nicht aufwärmen, spielen lupenreinen Stoner Rock. Ihre Lightshow ist wie ein pyrotechnisches Feuerwerk. Die Crowd steht eng beieinander, die Blickrichtung ist klar. „Ah, you like Heavy Metal? How lucky are we to be here.“. Das Trio hat das Ego für 10 und macht auch mindestens so viel Lärm. Gitarre und Bass hängen tief, die Energie hoch. Natürlich spielen sie auch „Sunraven“ den Titel ihres gleichnamigen Albums. Eines ist allen klar: sie sind definitiv grand. Als der letzte Song verklingt, singt die Menge weiter. Ihre Fans wollen sie noch nicht gehen lassen.

Ein großes Wochenende neigt sich dem Ende zu. Und als letzten Act warten wir auf die Band, die schon letztes Jahr als Headliner angekündigt gewesen war, leider aber krankheitsbedingt absagen musste. In der Umbaupause zieht Zahnie noch unter lautem Gejohle mit Jennys Hilfe die Gewinner und Gewinnerinnen der Verlosung und schneidet auf der Bühne seine Hose in Stücke. Es knistert!

Dann ist es soweit: „Ladys und Gents: Bühne frei für Saxon“. Es donnert, Riff Byford fordert schreiend Noise von der Menge. Denn wer Metal im Herzen trägt, bleibt laut. Seine Haare mögen weiß geworden sein, lang sind sie immer noch. Die Briten sind, was sie schon immer waren, a league of its own! Es hätte kaum einen besseren Abschluss geben können, als Vorreiter des New Wave British Heavy Metal und als Weggefährten von Motörhead, Iron Maiden und Def Leppard. Kein Arm bleibt unten, Kutten fliegen auf die Bühne. Viele sehen Saxon nicht zum ersten Mal und kennen diese Ritual. 

Diese Familienfeier hätte nicht fulminanter zu Ende gehen können. Danke Neuborn Festival. Und legt die Kutten und Nietengürtel nicht zu tief in den Schrank: im August 2027 ist schon das nächste Festival. Wir hoffen, dass sich die komplette Crew bis dahin wieder erholt hat. Ihr seid ganz groß. Vielen Dank.

Text: Fritzi van Ribbeck und Sebastian Wienert

Fotos: Andreas Schieler

Fritzi van Ribbeck

Redakteurin