Everything is wunderbar in Saarbrücken: Eisbrecher heizen mit ihrer Kaltfront-Tour die Garage auf
Statt Musik gibt es zuerst mal Bildung und Bärchen. „Willkommen zum Eisbrecher Literatur Club“, begrüßt Alexander „Alexx“ Wesselsky am 11. September 2026 die volle Garage Saarbrücken, noch bevor ein einziger Ton gespielt ist. Getreu dem Leitbild des römischen Dichters Juvenal „mens sana in corpore sano“ sorgt Alexx zunächst für das geistige Wohl, bevor es später bei harten Beats und verzerrten Gitarren auch zu Leibesübungen auf der Tanzfläche geht. George Orwells „Farm der Tiere“, ein kuscheliger Eisbär sowie eine Banane und eine Tafel Schokolade finden kurzerhand einen neuen Besitzer – nur die Schachtel Zigaretten möchte er lieber selbst behalten. Support des Abends sind Soulbound, aktuell mit ihrem fünften Album „sYn“ auf Tour und an diesem Abend fast gar nicht erst auf der Bühne gelandet.
Kurzfristig wurden die Transportfahrzeuge abgesagt. Sowohl Bassist Jonas als auch das eigentliche Merch-Team sind ausgefallen. Drummer Mario muss wegen einer Gehirnerschütterung ersetzt werden, während Gitarrist Felix trotz einer Fußverletzung sitzend spielt. Zur Krönung streikt beim Soundcheck dann auch noch die komplette Technik. Trotz allem stehen Soulbound nun auf der Bühne. Mit „sYn“ aus dem aktuellen, gleichnamigen Album eröffnet die von fünf auf drei Mann reduzierte Kombo den Abend. Danach erzählt Johnny, wie aufgeregt und dankbar sie seien, als Warmup für Eisbrecher zu spielen. Der Sänger spricht vor „Insane“ über mentale Gesundheit, auch als Betroffener, und weiß wie schwer es ist, die inneren Dämonen immer wieder zu besiegen. Soulbound ziehen das Publikum schnell auf ihre Seite. Dabei zünden vor allem „Devil“, „Saint Sinner“ und „Forever in the Dark“ und bewegen die vielen Fans in der heißen Halle. „Metal soll authentisch sein“ lautet die Botschaft, die Johnny und Felix mitreißend transportieren. „Alive“ beendet schließlich nach 45 Minuten den Auftritt, der angesichts der Startschwierigkeiten kaum zu erwarten war, mit anschließendem Dank an die Garage und den Headliner für den herzlichen Empfang.
Ab jetzt wird „Everything wunderbar“, so versprechen es Eisbrecher mit ihrem Opener. Alexander Wesselsky, Jürgen Plangger, Rupert Keplinger, Marc Richter und Achim Färber stürmen unter tosendem Jubel die Bühne. Der Sound folgt dabei der bekannten Eisbrecher-Formel: harte, verzerrte Gitarrenriffs treffen auf treibende Elektrobeats, dazwischen wechselt Wesselskys Stimme zwischen kehligem Growl und klarem, fast schlagerhaftem Refraingesang. Der eloquente Frontmann mit Hut und Kapitänsjacke ist wie üblich Dreh- und Angelpunkt der Show. Er komme gerne alle paar Jahre nach Saarbrücken, und freue sich, „mit den richtigen Leuten am richtigen Ort“ zu feiern – diesmal sind sogar „ein paar mehr“ gekommen. Das haben die Fans schon zuvor gemerkt, da er lange vor Showbeginn seine Runden vor der Bühne zog, um Foto- und Autogrammwünsche zu erfüllen. Alexx beweist auf dem Podium einmal mehr eindrucksvoll seine Qualitäten als sympathischer Entertainer auf seine lustige, leicht ironische Art, und verpackt darin die ernsten Themen – politisch, sozial kritisch, aber stets auf den Punkt.
Die Setlist der „Kaltfront“-Tour ist gespickt mit Hits, die die Garage Saarbrücken von Anfang bis Ende mitgrölt oder -tanzt. Songs wie „Himmel, Arsch und Zwirn“, „1000 Narben“ oder „Eiszeit“ zelebrieren Jung wie Alt aus voller Kehle. Das alte „Miststück“ spielt die Band in der Unplugged-Version: Jürgen an der Akustikgitarre, Alex ungewohnt zurückhaltend im Gesang, nahezu romantisch, wobei der ehemalige Checker Rosen an die weiblichen Fans verteilt. Zwischen den Stücken wechselt Alexx immer wieder sein Outfit. Mal performt er in der heißen Halle mit arktischer Expeditionsausrüstung bei „Eiszeit“, mal in bayerisch-traditionellem Outfit zu „This Is Deutsch“. Auch die Band bekommt ihre Momente: Richter greift zur Eisbärmaske statt zur Fellmütze an der Gitarre, Achim steht beim Drumsolo im Spotlight. Mit Frank Herzig von Schattenmann als Gastsänger präsentiert die Band zum Lied „Auf die Zunge“. Nach „FAKK“ setzt die Band noch ein Powerpaket als Zugabe drauf. „Was ist hier los?“ und „Verrückt“ geben der Garage den Rest.
Eisbrecher haben auf der Saarbrücker Bühne sichtlich Spaß. Man scherzt innerhalb der Band und mit den Fans, auf der Bühne ist immer was los. Ob ein Polaroidbild mit einer alten Kamera, ob Kuschel-Eisbären an Fans verteilen oder bei wilder Lichtshow einfach ordentlich abrocken, Alexx und seine Jungs liefern einen kurzweiligen und energiegeladenen NDH-Auftritt ab. „Liebe Saarbrücker und Saarbrückerinnen, das können wir gerne wieder machen“, mit diesem Versprechen beenden Eisbrecher den Abend. So gehen alle glücklich und zufrieden nach Hause – „Everything is wunderbar“.