Eric Clapton in Mannheim: Slowhand hebt die SAP-Arena aus den Stühlen

Eric Clapton in Mannheim: Slowhand hebt die SAP-Arena aus den Stühlen
Bei seiner Tour waren keine Fotografen zugelassen. Pressefoto Eric Clapton. Credit: Christie Goodwin

Was hat der alte „Slowhand“ noch drauf? Als die Fans fluchtartig ihre Sitzplätze verlassen und nach vorne stürmen, sollte die Antwort auch für den Letzten in der SAP-Arena ersichtlich sein. Es ist der 13. Mai 2026, die erste von insgesamt nur drei deutschen Shows auf Eric Claptons Europa-Tournee, und wer weiß, wie viele Tourneen der 81-Jährige noch unternehmen will oder kann. Noch vier Stunden zuvor warten die Fans mit freudiger Spannung im fröstelnden Nieselregen auf die Bluesrock-Legende – den 17-fachen Grammy-Gewinner, dreifaches Mitglied der Rock and Roll Hall of Fame, Erschaffer von Kultsongs wie „Wonderful Tonight“ oder „Tears In Heaven“.

Doch so ungemütlich sich das Wetter in der Warteschlange vor dem Stadion zeigt, so gemütlich offenbart sich die Arena von innen. Für jeden steht ein bequemer Stuhl bereit. Das passt zunächst zum Publikum, das im Schnitt eher Stones- als Streaming-Generation ist und wahrscheinlich nicht mehr 2,5 Stunden stehen möchte. Die Wartezeit überbrückt Hintergrundmusik aus Blues, Rock und Jimi Hendrix, dazu eine Arena-Wurst. Ganz ausverkauft ist die SAP-Arena nicht, aber die leeren Plätze fallen kaum auf. Bis in die Oberränge sitzt ein Publikum, das erst geduldig wartet und später deutlich weniger geduldig bleibt.

Andy Fairweather Low & The Low Riders betreten die Bühne und eröffnen schwungvoll mit „Spider Jiving“ – jenem Song, der auch durch Fairweather Lows Live-Version mit Eric Clapton bekannt wurde. Der Sänger und Gitarrist, der nicht nur bei Clapton, sondern auch bei Roger Waters regelmäßig in der Live-Band mitspielt, lässt mit seiner Kombo sofort den Bluesrock-Funken überspringen. Mit „Hymn 4 My Soul“ und einem Medley aus „Tequila / Peter Gunn / Apache“ kommt schnell Stimmung auf. Der 77-Jährige zeigt sich dabei recht agil: Er legt typische Blues- und Rock-Moves wie bei „Looking Good“ hin, geht zum Solo in die Knie oder schwingt seine Gitarre über den Kopf. Sein Instrument wechselt er zu jedem neuen Song, beziehungsweise bekommt es schnell ausgehändigt. Im Hintergrund bestimmen vor allem die zwei Saxophone den teils jazzigen Sound, während Kontrabass und vor allem das Schlagzeug kräftig antreiben. Über allem liegt Andys Gitarre – akustisch wie elektrisch gibt sie den Songs ihren eigenen Charakter. Spätestens bei „Got Me A Party“ hält es so manchen kaum noch ruhig auf dem Sitz. Mit „Wham“ und einem Dankeschön an seinen Freund Eric machen Andy Fairweather Low & The Low Riders nach 40 Minuten unter kräftigem Applaus die Bühne frei.

Um 20:45 Uhr tritt die Bluesrock-Legende unter Standing Ovations auf die Bretter der SAP-Arena. Flankiert vom Keyboard auf der rechten Seite und links einer Hammond-Orgel positionieren sich Bassist und Gitarrist dazwischen, während dahinter zwei Backgroundsängerinnen und der Schlagzeuger ihre Plätze einnehmen. Im Fokus steht natürlich Eric „Slowhand“ Clapton, der im typischen Anzug mit weißem Hemd mit seinem Signaturmodell der Fender Stratocaster zunächst das Mannheimer Publikum begrüßt. Gelassen und in eleganter Attitüde beginnt der Brite aus Ripley mit „Badge“, gefolgt von „Key To The Highway“ sowie mit „I’m Your Hoochie Coochie Man“. „I Shot The Sheriff“ zündet anschließend merkbar im Publikum.

Als gerade die Stimmung aufflammt, Stille. Clapton sitzt allein auf dem roten Polsterstuhl – nur mit seiner Akustikgitarre, im Hintergrund ein prunkvoll gemalter Theatersaal. „Kind Hearted Woman Blues“ stimmt auf den stärksten Part des Abends gefühlvoll ein. Claptons Stimme klingt dabei klar, ungebrochen und erstaunlich präsent. Zu „Nobody Knows You When You’re Down and Out“ steigt der Rest der Band wieder in das Akustik-Set ein. Die große Arena schrumpft, und man hat das Gefühl, im kleinen Club zu sitzen, nah und familiär. Eingebettet in diese Atmosphäre jagt das Intro von „Layla“ Gänsehaut über den Rücken – jene große Liebesballade, die schon auf Claptons „Unplugged“-Album begeisterte. Jetzt live umso mehr. Wer nun glaubt, fesselnder könne es kaum werden, wird unmittelbar von „Tears In Heaven“ überwältigt – dem tief berührenden Song, der den tragischen Tod seines vierjährigen Sohnes Conor verarbeitet und die Frage nach einem Wiedersehen im Jenseits stellt. Die Arena durchlebt kollektiv den bewegendsten Moment des Abends, der wohl jeden auf eine emotionale Achterbahn zwischen Ergriffenheit und Begeisterung führt.

Nach einem schnellen Umbau macht die Band zu „Holy Mother“ elektrisch weiter. Man wird wahrlich vom „Cross Road Blues“ der Slowhand eingesogen und geht ganz darin auf. Claptons Finger gleiten über seine Strat, springen vom hart verzerrten zum weichen, cleanen Sound und wieder zurück. In einzelnen Soli stellt der weltbekannte Sänger seine Crew vor und tritt dabei selbst in den Hintergrund, um den hochkarätigen Musikern das gebührende Spotlight zu überlassen. Was dann folgt, hat die Security nicht auf dem Schirm gehabt. Bei den ersten Noten von „Cocaine“ – entstanden aus eigener Erfahrung als Warnung vor der zerstörerischen Kraft der Droge – gibt es schließlich kein Halten mehr. Viele stehen auf und rennen nach vorne, dicht gedrängt, an die Bühnenabsperrung. Inzwischen steht die komplette Halle. Stühle braucht hier keiner mehr, und das anfängliche Frösteln draußen ist längst dem Bluesrock-Fieber gewichen. Und während die letzten Töne noch verklingen, verlässt Clapton wortlos die Bühne, bevor er schließlich mit „Before You Accuse Me“ als Zugabe den Abend beendet.

Auch wenn die hochpreisigen Tickets ein paar wenige Plätze in der Mannheimer SAP-Arena unbesetzt ließen, auch wenn manch einer „Lay Down Sally“ oder „Change The World“ vermisst haben dürfte: Dieser Abend liefert eine klare Antwort auf die Frage, was der alte „Slowhand“ noch draufhat. Eric Clapton muss niemandem mehr etwas beweisen und beweist es trotzdem eindrucksvoll mit Stil und Würde, die nur die ganz Großen ausstrahlen. Am Ende bleibt eine tiefe Verneigung vor einem Künstler, dessen Songs noch immer tragen. Eric, you are wonderful tonight.

Andreas Schieler

Leitung, Redakteur und Fotograf