Von ME:TALENT ins Scheinwerferlicht – Erasr im Interview
Wer im Metal-Underground nach echter Basisarbeit sucht, kommt an Metality e.V. nicht vorbei. Der gemeinnützige Verein vernetzt nicht nur Metalheads weltweit, sondern fördert über gezielte Initiativen auch intensiv den kulturellen Nachwuchs. Im Zentrum der Nachwuchsarbeit steht das ambitionierte Förderprogramm ME:TALENT: Es bietet Jugendlichen kostenfreien Instrumental- und Gesangsunterricht sowie Leih-Equipment, um den Einstieg in die Musikwelt zu ebnen.
Wie gut dieses Konzept funktioniert, beweist die Newcomerband Erasr. Als erstes „Eigengewächs“, das aus dem ME:TALENT-Programm hervorgegangen ist, haben die Musiker gerade ihren nächsten Meilenstein gefeiert: den ersten Auftritt auf einem Open-Air-Festival! Wir haben die Band direkt nach ihrem Auftritt auf dem WWOA 2026 in Wellesweiler interviewt und dabei über Lampenfieber, die Anfänge im Proberaum und ihre Reise vom Förderprojekt ins Scheinwerferlicht gesprochen.
Manfred Köhler: Wie fühlt ihr euch jetzt so kurz nach dem Auftritt?
Erasr: Es hat uns mega viel Spaß gemacht. Es hat uns allen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. So viele Unterschriften wie heute haben wir noch nie gegeben.
Wir haben gutes Feedback bekommen, obwohl wir im Vergleich zu den anderen Bands relativ soft sind. Wir hätten vielleicht ein paar mehr heftigere Songs schreiben sollen. Wir werden das auf jeden Fall als Erfahrung mitnehmen. Außerdem haben sich durch den Auftritt heute schon mal die zwei nächsten Shows ergeben.
Manfred: Wie entstehen eure Songs?
Erasr: Es fängt meistens mit einer Riff-Idee an. Die wird dann in unsere WhatsApp-Gruppe geschickt. Alles, was uns einfällt schicken wir in unsere WhatsApp-Gruppe. Dann schauen wir, ob es gefällt und reinpasst. Und dann ist es auch ganz oft so, dass wenn man etwas Cooles reinschickt, kommt der andere, hört sich das an und macht es vielleicht noch ein bisschen geiler. Und dann arbeiten wir gemeinsam dran und dann denken wir uns aus, was für ein Textthema könnte gut dazu passen, was Lustiges oder eher Trauriges. Die depressiven Texte schreibt dann unser Drummer, deswegen machen wir uns ein paar Sorgen um ihn. Prinzipiell ist es aber so, dass wir uns gut ergänzen und uns gegenseitig besser machen. Das Album an dem wir arbeiten soll auf jeden Fall ein Kracher werden.
In Zukunft möchten wir eine modernere Richtung einschlagen. Wir haben uns gedacht, wir möchten mehr Leute ansprechen, die unserem Alter entsprechen und unsere Musik auch weitertragen. Die Musik soll mehr Motivation zum Tanzen geben. Wahrscheinlich wird’s in die Richtung moderneren Alternative-/Punk-Rock gehen, aber auch mit Einflüssen aus härteren Genres, z.B. Nu Metal. Wir befinden uns gerade in einer Art Selbstfindungsphase und sind auf jeden Fall sehr positiv gestimmt, das Ganze moderner und flotter zu gestalten. Gut finden wir, dass wir uns da schnell einig geworden sind. Angefangen haben wir damit, dass jeder einen Song gemacht hat, der seinem eigenen Musikgenre, welches er gerne hört, entspricht: Von Nick kam eher Industrial-Metal, von Neal Nu-Metal, von Johann eher Punk und Spaßhymnen und von Finn eher Stoner- und Grunge-Einflüsse. Das Ziel war, dass wir uns finden und in der Mitte treffen und alle zufrieden werden. Und vor allem das in einer geilen Live-Show rüberbringen zu können. Das ist das, was am meisten Spaß macht: Live zu spielen. Wir lieben das, selbst wenn nur zwei Leute vor der Bühne stehen. Das Live-Spielen ist schon immer das Geilste gewesen. Wenn wir dem Publikum auch noch ein Lächeln ins Gesicht zaubern können, sind wir mega zufrieden.
Manfred: Das klingt alles sehr harmonisch.
Erasr: (Lachen) Ja, mal mehr, mal weniger. Man muss auch mal harte Worte finden. Am Ende ist sich aber niemand böse, es ist ja nichts Persönliches. Es gibt immer mal unterschiedliche Meinungen, das Wichtigste ist aber, dass man offen kommunizieren kann.
Manfred: Die Texte sind für eine Newcomer-Band außergewöhnlich lang, nachdenklich, zum Teil düster.
Erasr: Das sind im Wesentlichen Momentaufnahmen aus unserem Leben, die wir mit unserer Musik verarbeiten wollen. Trotz allem sind wir alle positive Menschen, die ihren Spaß haben wollen und aus der Musik etwas Positives machen wollen. In Zukunft möchten wir uns davon ein klein wenig abwenden und mehr Spaß mit reinbringen. Ziel ist es aber schon, weiterhin seriöse Texte zu schreiben. Die Sache ist aber auch die, dass wir festgestellt haben, dass es schwerer ist, über fröhliche Themen Texte zu schreiben. Wenn man traurig ist, schreibt man die Texte einfach so herunter. Das fröhliche Texte schreiben müssen wir noch üben.
Da fällt mir ein: In einem Kraftklub-Song sagt er, dass fröhliche Menschen nicht interessant sind. Andere Bands haben auch viele depressive Songtexte. Und man kann da auch etwas Gutes daraus machen. Es hat schon oft geholfen, darüber zu schreiben, zu singen und es einfach rauszulassen.
Manfred: Wie kam es zu dem Bandnamen und der ungewöhnlichen Schreibweise?
Erasr: Der erste Name der Band war: The Pain Within. Der hat aber nicht so zu unserer Musikrichtung gepasst. Beim Rumblödeln im Proberaum sind wir auf eine deutsche Punkband gekommen: „Ratzefummel“. Und das hat dann irgendwie so einen Denkanstoß gegeben: Eraser heißt Radiergummi auf Deutsch. Die Schreibweise Erasr war von Anfang an so, als stilistisches Mittel, um rauszustechen. Dann kam leider ein Electronic-Music-Artist aus den USA. Der hat sich tatsächlich nach uns den Namen geschnappt und uns überholt, aber nur weil der ein Label hat. Obwohl wir auf Social Media schon Content produziert haben und Werbung gemacht haben. Das stört uns tatsächlich und wir überlegen uns noch tatsächlich, den Namen zu ändern. Da sind wir gerade eifrig am Überlegen, welchen Namen wir wählen, und das ist nicht einfach. Es ist ungefähr so wie mit der Musik, nur dreimal schlimmer, weil das ja quasi ein Markenname ist. Der neue Name soll kurz und eingängig sein, zur Musik passen und uns als Band und unsere Songs repräsentieren. Wenn wir uns dann für einen neuen Namen entschieden haben, wollen wir auf jeden Fall unser erstes Album Erasr nennen, einfach aus Nostalgiegründen, plus die Leute, die uns schon kennen, können uns dann trotzdem noch über den Albumnamen finden.
Manfred: Wie seid ihr als Bochumer Band aufs WWOA nach Wellesweiler gekommen?
Erasr: Die Einladung zum WWOA kam über Nicks Verbindung zu Metality zustande. Wir sollten uns bei Peter (Veranstalter) melden und auf die erste Mail kam tatsächlich eine Absage, weil unsere Mail nicht ausreichend war. Dann haben wir nochmal mit Nicks Ansprechpartnerin bei Metality gesprochen und die hat dann ein gutes Wort für uns eingelegt. Wir sind auf jeden Fall froh, diese Möglichkeit bekommen zu haben und ohne Metality wären wir nicht hier. Geiler Verein. Dafür sind wir sehr dankbar. Wir hoffen, dass die sehr gute Zusammenarbeit auch in Zukunft bestehen bleibt. Am 28. November spielen wir auf einem Metal-Festival in Luxemburg. Den Auftritt haben wir auch über Metality bekommen.
Manfred: Wie kam es zum Kontakt zu Metality?
Nick: Meine Mutter hat mir einen Facebook-Post von Holly Loose, der Sänger der Band „Letzte Instanz“, gezeigt, der während der Corona-Zeit auf Facebook Metality-Homeschooling (heute Me:Talent) beworben hat. Darauf habe ich mich noch am selben Tag beworben und wurde dann tatsächlich auch angenommen. Je nachdem mit wem man spricht, war ich der erste oder zumindest einer der ersten Metality-Homeschooling-Schüler. Und seitdem habe ich bei Daniel Gitarrenunterricht – ein richtig geiler Typ. Es macht immer wieder richtig Bock, bei ihm Gitarrenstunden zu nehmen. Ich würde sogar sagen, dadurch ist eine Freundschaft entstanden, auch mit anderen Metality-Mitgliedern. Wir bekommen viele Tipps und Infos und Connections bauen sich darüber auf. Uns wird sehr viel unter die Arme gegriffen und ermöglicht, z.B. der Auftritt hier und in Luxemburg.
Manfred: Wie sieht denn konkret die Unterstützung durch Metality aus?
Erasr: Erstmal der kostenlose Unterricht bei sehr gut ausgebildeten Musiklehrern. Oder die kostenlose Teilnahme beim Gitarren-Camp mit Victor Smolski, einem der weltbesten Rock- und Metal-Gitarristen. Dann die Festivalvermittlungen. Und wir haben ein kleines Bandcoaching bekommen. Der Trainer kam zu uns in den Proberaum und hat uns Tipps zur Bühnenperformance gegeben, zur Auswahl der Songs und zu allem Möglichen sonst. Finn hat eine kostenlose Gesangsstunde bei Elena Puszta in Köln erhalten.
Und wir können uns immer melden, wenn wir Hilfe benötigen. Da kommt auch sehr schnell eine Antwort.
Manfred: Erinnert ihr euch noch an eure ersten Auftritte?
Erasr: Der erste Auftritt war 2/2025, im ND-Jugendzentrum in Dinslaken. Das war die Warm-up-Party zu einem Festival, das letztlich gar nicht stattgefunden hat. Danach hatten wir einen Auftritt im Kulturrat Bochum. Das muss man erwähnen. Dort haben wir die Hütte abgerissen. Die Location war auf 80 Menschen begrenzt, inklusive dem dortigen Personal. Wir haben viele Mitschüler mitgebracht, Freunde und Lehrer aus unserer Schule sind tatsächlich auch gekommen. Vor unserem Auftritt wurde es brechend voll, so dass Leute gar nicht mehr reinkamen. Es wurden extra die Fenster aufgemacht, damit die Leute, die draußen standen, überhaupt etwas von uns hören und sehen konnten. Es war genial. Musikalisch war es wahrscheinlich unser schlechtester Auftritt, aber stimmungstechnisch der beste. Der Saal war eigentlich eine kleine Theaterbühne und nicht zum Tanzen geeignet. Überall standen Stühle und wir mussten die Leute animieren, aufzustehen und zu tanzen. Aber es hat funktioniert, alle haben mitgemacht und die ganze Bude hat gewackelt. Das war schon cool und eine tolle Erfahrung.
Leider hat uns der Veranstalter nicht sehr gut behandelt. Wie kleine Kinder, die nichts verstanden haben. Und aus der Spendenbox für die Künstler, die ordentlich gefüllt war, haben wir bis heute, trotz mehrmaligen Nachfragens, kein Geld gesehen. Das verbuchen wir unter Erfahrung.
Manfred: Wenn ihr auf ein Festival eingeladen würdet und dürftet wählen, welche Bands würdet ihr neben Erasr noch gerne auf dem Plakat sehen?
Erasr: Boah, das ist eine schwierige Frage.
Johann: Ich werde mal den Anfang machen, ich würde die allmächtigen „Die Kassierer“ aus Wattenscheid wählen. Die spielen ja leider nicht mehr live, aber ich habe sie einmal erleben dürfen. Das war ein Riesenfest.
Nick: Ich würde „Kraftklub“ sagen. Da bin ein Riesenfan von.
Neal: Das ist schwierig, da ich hauptsächlich in der Metal- und Metalcore-Szene unterwegs bin. Aber mit den „Architects“ würde ich gerne mal die Bühne teilen.
Finn: Für mich wären es auf jeden Fall die „Queens of the Stone Age“. Mit denen würde ich unfassbar gerne mal auf einem Festival spielen.
An den Namen, die wir genannt haben, sieht man schon unsere Einflüsse, was wir privat hören und dann auch mit in die Band einbringen. Es ist schon sehr verschieden, aber es funktioniert. Mittlerweile haben wir gut zueinander gefunden.
Manfred: Die abschließende Frage: Was würdet ihr jemandem raten, der darüber nachdenkt, eine Band zu gründen?
Erasr: Interessiere dich nicht für die Meinungen anderer, sondern mach das, was dein Herz dir sagt. Und Spaß haben. Das ist das Allerwichtigste. Aus finanzieller Sicht betrachtet ist es ein teures Hobby am Anfang.
Als Band sollte es in erster Linie menschlich passen. Man muss sich auf einem Niveau verständigen können, damit man auf einen gemeinsamen Nenner kommt. Dann kann es funktionieren, auch wenn verschiedene musikalischen Einflüsse zusammenkommen, so wie es jetzt bei uns der Fall ist. Und man muss auch nicht gut sein, um in einer Band zu spielen. Man wächst mit der Zeit zusammen. Man darf ruhig träumen. Wir träumen auch davon, bei Rock am Ring oder dem Ruhrpott Rodeo zu spielen. Aber am Ende des Tages muss man doch auch realistisch bleiben.