Die Toten Hosen machen ihr letztes Auswärtsspiel am Bostalsee zum Fest
Die Toten Hosen erklären ihren Auftritt auf der Festwiese am Bostalsee zum „Auswärtsspiel“. Am Freitag, den 21. August 2026, macht die legendäre Punkrock-Band zum dritten Mal Station am See im Sankt Wendeler Land, nach 2013 und 2018. Sowohl am Freitagabend als auch am Samstagabend sind die Konzerte ihrer „Trink aus! Wir müssen gehen“-Tour 2026 seit Wochen ausverkauft, und entsprechend spürbar ist die Vorfreude der 25.000 Zuschauer schon lange vor Beginn. Vor allem könnte es das letzte Mal sein, dass Campino, Breiti, Kuddel, Andi und Vom Ritchie zusammen live rocken. Der Tourtitel zum gleichnamigen Album – nach eigener Ansage das letzte reguläre Studioalbum der Band – klingt stark nach Abschied. Doch fast 45 Jahre nach der Gründung 1982 verspüren die Düsseldorfer eine Lust auf Konzerte wie selten zuvor und wollen noch einmal jeden Abend so spielen, als sei es der letzte.
Die Gästeliste wechselt dabei von Stadt zu Stadt: Wer in Köln oder Berlin dabei war, erlebte Beatsteaks, Rise Against, Gogol Bordello, The Stranglers oder Donots als Vorbands. Am Bostalsee setzt die Band am Freitag auf Sondaschule und Thees Uhlmann & Band, am Samstag treten stattdessen Labrassbanda, Deine Cousine und Leftovers an.
Um 16 Uhr öffnet der Veranstalter Popp Concerts die Tore der idyllischen Festwiese. Bis zum Beginn des ersten Acts herrscht reges Treiben bei Bier und Bratwurst. Thees Uhlmann startet um 18:10 Uhr im leichten Nieselregen. Der ehemalige Tomte-Sänger weiß, dass die Masse nicht seinetwegen gekommen ist, und gewinnt die „Punks“, wie er die Angereisten liebevoll nennt, aber mit seiner lockeren Art und gefühlvollen Songs wie „Danke für die Angst“ und „Ich sang die ganze Zeit von dir“. Die Fans feiern ihn dafür. Eine besondere Note bekommt „Junkies und Scientologen“. Denn Die Toten Hosen haben den Titel gemeinsam mit Uhlmann für ihr Bonusalbum neu eingespielt. Er fühlt sich sichtlich geehrt. „Avicii“ geht raus an all die Traurigen und Enttäuschten, verbunden mit dem Appell, nicht aufzugeben. Ein starkes Statement zum Abschluss.
„Die Welt gehört uns, jetzt kommen die guten Zeiten.“ Mit dieser Zeile eröffnet Sondaschule, zuvor von Andi Meurer angekündigt, den zweiten Teil des Abends. Wenige Akkorde reichen aus, und die Menge tanzt. Der Ska-Punk aus Mülheim und Oberhausen sorgt schnell für gute Laune und vor allem für viele Circlepits. Bei „Ärgerlich“ wird Mitmachen zur Pflicht. Emotional wird es bei einem Song für Gitarrist „Blubbi“, der 2021 unerwartet verstarb und dessen Fehlen die Band bis heute mitträgt. „Weit, weit weg“ beendet den Auftritt, ein Einspieler von „Time of My Life“ aus Dirty Dancing und ein gemeinsames Erinnerungsfoto machen die Bühne frei für den Headliner.
Zu den Klängen von „You’ll Never Walk Alone“ werden links und rechts der Bühne zwei Banner hochgezogen: „Bis zum bitteren Ende“ prangt darauf um den stilisierten Knochen-Adler herum. „Einen wunderschönen guten Abend am Bostalsee. Wir sind die Jungs von der Opelgäng“, begrüßt Campino die grölende Menge. Zu Beginn stehen Songs vom neuen Album, dann witzelt Campino über den demnach fünften Besuch der Band im Saarland und tauft das Konzert zum „Auswärtsspiel“, und zum gleichnamigen Song wehen die verteilten Fahnen zum ersten Mal in der Menge. „Wir sind nicht hier, um Urlaub zu machen“, kündigt der 64-jährige Sänger vor „Laune der Natur“ an, während die riesigen Leinwände im Hintergrund bunte Bilder zum Punkrocksound werfen.
Der befürchtete Regen bleibt aus, musikalisch geht es sonnig weiter mit „Wannsee“. Die Jungs sind gut drauf und haben sichtlich Spaß am ersten Tag im Saarland. Andi, Breiti, Kuddel und Vom Ritchie spielen schneller und kantiger, als es die Studioversionen vermuten lassen. Das macht Druck – Punkrock, der in der Menge ankommt. Campinos rauchige Stimme hat über die Jahrzehnte scheinbar nicht gelitten und führt die selbsternannten Fischer-Chöre vom Bostalsee durchs „Liebeslied“. Mit seinem charakteristischen weiten Ausfallschritt auf einem Monitor stimmt der Sänger „Alle sagen das“ auf der Festwiese an. Zwischen den Songs gibt er sich gesprächsfreudig und plaudert gerne aus dem Nähkästchen, sonst wirbelt er unermüdlich über die Bühne. Campino erzählt von einem Ehepaar, das früh in der Bandgeschichte ein Konzert im Saarland besuchte und danach seine Kneipe nach den Toten Hosen nahe St. Wendel benannte – im Vorfeld dieser Show trifft er eine Kellnerin von damals im Bandhotel wieder. Passend dazu laufen bei „Was früher einmal war“ alte Fotos über die Leinwand, ein nostalgischer Moment. Neu mit dabei ist Jet Baker. Der Sänger und Pianist der britischen Ska-Punk-Band Buster Shuffle begleitet Die Toten Hosen auf der kompletten Tour am Keyboard. „Was zählt“ aus 2001 folgt auf „Nur nach vorn“ von der neuen Scheibe. Die Bühnendynamik der Alt-Punks bleibt konstant auf einem hohen Level, nicht zuletzt durch den unermüdlichen Campino. Und dabei sind es immer dieselben Lieder, die sich anfühlen, als würde die Zeit stillstehen. Ja, das alte Fieber brennt immer noch – selbst nach fast fünf Dekaden.

„Seelentherapie“ ist ein alter Song, den die Band zur Abwechslung an den beiden aufeinanderfolgenden Tagen neu ins Set genommen hat. „Das haben wir doch ganz gut hinbekommen, wenn man bedenkt, dass ich immer noch nicht ‚Zehn kleine Jägermeister‘ drauf habe“, witzelt Campino vor „Steh auf, wenn du am Boden bist“. Dabei wehen wieder die Fahnen. Kleine Highlights setzen Klassiker wie „Bonnie & Clyde“, bei denen viele Moshpits aufreisen und besonders lautstark mitgesungen wird. „Pushed Again“ zündet nicht nur rote Pyro, sondern reißt auch wieder neue Moshpits auf. Das Stimmungsbarometer ist am oberen Anschlag. Mit „Wünsch Dir was“ und „Hier kommt Alex“ jagt die Band dann Hit auf Hit zum Ende des Hauptteils, tausende Stimmen atmen gemeinsam im Takt und singen jede Zeile mit.
Noch vor der ersten Zugabe singt die Menge „Eisgekühlter Bommerlunder“. „Wir freuen uns so auf das Wochenende, das fühlt sich so familiär an“, kündigt Campino das ironisch als „tiefsinnig“ gemeinte Lied „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“ an, bevor es mit „Halbstark“ aus dem Jahr 1987 weiter geht. Insgesamt dreimal kommen Die Toten Hosen raus, vollgepackt mit den neuen und alten Hits. „Tage wie diese“ trifft voll den Nerv des Augenblicks. Konfetti- und Luftschlangenregen in rot-weiß mündet in ein Lichtermeer bei „Kamikaze“ von tausenden Handys. Nach dem Die-Ärzte-Cover „Schrei nach Liebe“ und dem eigenen Hit von 1990 „Schönen Gruß, auf Wiedersehen“ vom Album „Auf dem Kreuzzug ins Glück“ holen die legendären Punkrocker nochmals Luft zum Finale des großen Finales. Von Müdigkeit oder von der nächtlichen Kühle keine Spur zu spüren. Erst nach der dritten Zugabe, als das schon zuvor angestimmte Bommerlunder-Lied und letztlich „You’ll Never Walk Alone“ live präsentiert und voller Inbrunst von Band und Fans mitgesungen werden, schließt sich der Kreis und ein sensationelles Konzert der Abschiedstour findet am Bostalsee sein emotionales Ende.
Die Toten Hosen übertreffen ihr Versprechen und gewinnen klar ihr Auswärtsspiel. Ein würdiges Abschlusskonzert voller Energie sowie Erinnerungen und etwas Abschiedsschmerz. Die Band präsentiert sich gut gelaunt, fast so schwungvoll und nahe bei den Fans wie eh und je. Die Setlist beinhaltet ein Lebenswerk voller Hits und die Anekdoten führen die Fans auf eine nostalgische Zeitreise zurück in die Jugend der Punkrock-Band. Es bleibt kein Wunsch offen. Wir trinken jetzt auch aus und müssen euch leider gehen lassen. Danke für das grandiose Konzert am Bostalsee und all die schönen Jahre.
Photo Credit: Bastian Bochinski