Punkrock aus dem Bus: Fünf Bands heizen dem P8 Karlsruhe ein
Das erste Konzert des Abends findet in einem Fahrzeug statt, das längst nirgendwo mehr hinfährt. Vor dem P8 im Kulturraum in Karlsruhe steht am Freitag, 2. Oktober 2026, ein ausrangierter Stadtbus. Für Lilac Attitude wird er zur exklusiven Bühne. Danach übernehmen Dezernat d’Amour, Anger Mgmt., Wax Jaw und Erection den Saal im alten Schlachthof. Die traditionelle Einheizfeier am Vorabend des Tags der Deutschen Einheit bündelt Punkrock in fünf Facetten des Genres. Dass eine der Hauptfiguren eigentlich ins Bett gehört, erfährt das Publikum erst kurz vor Mitternacht.
Die Veranstaltung bietet einiges, bevor überhaupt der erste Ton erklingt. Im Außenbereich werden ab 18:00 Uhr an einer Bar kühle Getränke ausgeschenkt, nebenan gibt es Waffeln und an einem Infostand gegenüber gehen Hot Dogs über den Tisch. In der angeschlossenen Kuna, einem selbstverwalteten Raum mit Sitzgelegenheiten, lässt sich die Wartezeit entspannt überbrücken und schrumpft gefühlt auf die Länge eines Gesprächs.
Kurz vor 20:00 Uhr geht es im Bus eng zu. Lilac Attitude aus Basel stehen zwischen Sitzen und Haltestangen. Jacky übernimmt Gesang und Keys, Daisy spielt Gitarre, Raku Bass und Squid sitzt am Schlagzeug. Ihren Sound nennt die Band selbst „Floral Grunge“. Die Kiste ist schnell voll. Bei jedem Refrain gehen die alten Stoßdämpfer in die Knie und federn zurück, als wolle der Bus doch noch einmal losrollen. Auch die Fahrgäste, die draußen auf den Einlass warten, bleiben nicht stehen, wenn „Eat the Rich“ nach draußen dringt. Mit „Crocodile Tears“ spielt das Quartett einen Song, der an diesem Tag erschienen ist.
Während im graffitibesprühten Bus die letzten Akkorde verklingen, stehen drinnen bereits Dezernat d’Amour auf der Bühne. „Die nächste halbe Stunde gehört uns. Also lasst uns daraus was machen“, begrüßt das Trio aus Karlsruhe das Publikum, das gerade erst hereinströmt. Heimspiel vor einem Saal, der sich noch füllt. Der Bass drückt fett, die Riffs bleiben trocken, das Schlagzeug hämmert. Schon beim zweiten Song „Alkorhythmik“ tanzen die ersten Reihen. „Die rote 8“ kommt kantig daher, die Gitarren klingen nach Stoner Rock und hängen schwer im Raum. „Nahkampfpogo“ hält, was der Titel verspricht, und in der Mitte dreht sich ein erster, noch vorsichtiger Moshpit. Noch ist er klein, aber die Richtung ist klar: Das Heimspiel funktioniert.
Anger Mgmt. drücken aufs Gas. Das Trio aus Winterthur hat direkt nach Feierabend drei Stunden Fahrt in Kauf genommen, um in Karlsruhe zu spielen. Das Licht ist düster, die Stimmung kippt ins Melancholische, ohne an Tempo zu verlieren. Schnelle Rhythmen laufen unter einer flirrenden, sphärischen Oberfläche, der teils zweistimmige Gesang gibt Songs wie „Under My Skin“ Tiefe. Vor der Bühne tanzen die Leute ausgelassen zu dunklen Klängen. Das passt zum Programm der Band, die Musik als Ventil versteht, um Wut in etwas Kreatives zu verwandeln. Im April 2026 ist ihr zweites Album „Anger Is Eternal“ erschienen, der Nachfolger des Debüts „Anger Is Energy“. Nach rund 45 Minuten und dem Schlusssong „Anger Is My Energy“ machen die drei Schweizer unter großem Beifall die Bühne frei. In der Umbaupause verteilt sich das Publikum: an die Bar, an die frische Luft oder an den Merchstand, wo die Bands für ein Gespräch bereitstehen.
Dann wird es voll. Bei keiner Band stehen an diesem Abend so viele Menschen vor der Bühne wie bei Wax Jaw. Die Fünf aus Philadelphia spielen zum ersten Mal in Deutschland. Sänger Shane Morgan, die Gitarristen Sean Vannata und George Fenton, Bassist Greg Blanc und Schlagzeuger Ben Manning verbinden schnellen Surf-Punk mit der Tanzbarkeit des New Wave und setzen kantige Riffs obendrauf. Ihre Debüt-EP „Between the Teeth“ erschien 2023, das erste Album „It Takes Guts!“ folgte im Oktober 2025. Treibende Beats und groovende Bassläufe lassen niemanden stillstehen, die Band nennt sich nicht zufällig „Dance-Punk Darlings“. Morgan freut sich sichtlich, Teil dieser Veranstaltung zu sein, bevor zu „Secret Of The Night“ weitergetanzt wird. Zwischen den Songs greift er jedes Mal zum Getränk, erzählt Geschichten aus Philadelphia und holt das Publikum mit ins Spiel. Das Licht wechselt hell und schnell. Dass sich Bandmitglieder bei ihren Shows unter die Leute mischen, gehört zum Ruf der Band, und Karlsruhe bekommt die Bestätigung: George Fenton springt kurzerhand von der Bühne und führt den Circlepit an. Zum Schluss singt ihm der Saal „Happy Birthday“.
Gegen 23:30 Uhr übernehmen Erection. Die Punk’n’Roll-Band aus Regensburg eröffnet mit „Plug It In“, dem Titelsong ihres aktuellen Albums. Frontfrau Julia Melzer steht vorn, flankiert von Schtiefn an der Gitarre und Tino am Bass. Vom Ritchie, Schlagzeuger der Toten Hosen, der sich bei Erection die Drums mit Andi und Tobi teilt und auf dem Album spielt, ist an diesem Abend nicht dabei. Melzer hat sich auf dem Rückflug aus Barcelona erkältet und sollte eigentlich gar nicht auf der Bühne stehen, erzählt sie. Ihre Stimme hält trotzdem, das ganze Set über. Von der neuen Scheibe folgen „Ich will mehr“, „I Don’t Wanna Die“ und „Hello Julia“, das am deutlichsten nach vorn rockt. Mit „Blau“ stellt die Band einen noch unveröffentlichten Song vor. „Nüchtern oder schüchtern“ und „Rich Bitch“ vom Debüt „Queendom“ sowie „Kasse“ liefern rotzigen Punkrock ohne Umwege. Zwischen den Songs erzählt Melzer von ihrer Zeit als Obdachlose am Münchner Bahnhof. Heute sei sie dankbar für ihr Leben und für die Menschen, die für sie da sind. Die Geschichte gibt den empowernden Texten der Band einen biografischen Boden. Die gute Laune hält bis zum Schluss. Vor der Bühne wird getanzt, gesprungen und mitgegrölt, bis gegen 00:35 Uhr der letzte Akkord verklingt. Wer dann noch steht, ist längst im Feiertag angekommen.
Die Einheizfeier im P8 Karlsruhe zeigt, wie gut ein Abend mit fünf Bands funktioniert, wenn die Stilwechsel stimmen. Vom Floral Grunge im Bus bis zum Punk’n’Roll nach Mitternacht steigert sich die Energie ohne Durchhänger. Den größten Zuspruch holen sich Wax Jaw, den persönlichsten Moment liefert Erection.