Wie Infected Rain und Butcher Babies die Alte Feuerwache Mannheim erschüttern
Am 8. April 2026 zeigt sich früh, warum die Show aus dem Café Central in die Alten Feuerwache Mannheim hochverlegt wurde. Die „Mutation Phase“ von Infected Rain und Butcher Babies zieht sichtbar mehr Publikum als ursprünglich geplant. Als Support eröffnen die Black Spikes den Abend. Drei Bands, klarer Fokus und voll auf die Ohren.
Black Spikes legen mit Vollgas los und hüllen die Halle in einen Sound, der progressive Strukturen geschickt mit elektronischen Schichten und harten Kanten verwebt. Während der Einstieg mit „Hipnozė“ noch fast tastend wirkt und das Mannheimer Publikum zunächst abwartend Distanz hält, gewinnt die litauische Modern-Progressive-Metal-Band aus Vilnius mit neuem Material wie „AUREA“ oder „Jausmus išrašyt“ spürbar an Boden. Passend zur düsteren Modern-Metal-Ästhetik ihrer konsequent schwarzen Outfits arbeitet sich die Band Schritt für Schritt nach vorne. Spätestens bei „Imperatorė“ springt der Funke endgültig über: Die Reihen schließen sich, die Köpfe nicken im Takt und die anfängliche Zurückhaltung weicht kollektiver Bewegung.
Die Butcher Babies eröffnen mit „Backstreets of Tennessee“ und „Red Thunder“ ohne Anlauf und entfesseln sofort den Pit. „Sincerity“ und „Beaver Cage“ knüpfen nahtlos an diese Energie an. Heidi Shepherd dominiert die Bühne als alleinige Frontfrau und hält die Energie konstant am Anschlag. Unermüdlich sprintet und springt die Sängerin von links nach rechts, immer im direkten Kontakt mit den Fans. Die Alte Feuerwache lässt sich von stampfenden Beats wie bei „It’s Killin’ Time, Baby!“ und „Sleeping With the Enemy“ bereitwillig mitziehen. Während Henry Flury an der Gitarre und Ricky Bonazza am Bass zu den knallharten Songs über die Bühne wirbeln, treibt Devin Nickles die Band hinter den Drums mächtig an. Die Setlist des Abends speist sich primär aus der jüngeren Schaffensphase des Doppelalbums „Eye for an Eye…“ / „…’Til the World’s Blind“ sowie brandneuen Nummern wie „Black Dove“ und „Lost In Your Touch“. Die Metalcore-Formation aus Los Angeles liefert hier absolut professionell ab.
Der markanteste Moment entsteht jedoch nach dem Drum-Solo bei „Last December“. Heidi richtet sich tief emotional ans Publikum, spricht offen von ihrer dunkelsten Stunde und erklärt tränennah, wie die Fans sie aus suizidalen Gedanken zurück ins Leben holten. Die Halle wird spürbar ruhiger – ein bewegender Gänsehaut-Moment der Stille im sonst so lauten und geladenen Gig. „Magnolia Blvd.“ vom Debütalbum beendet den Auftritt schließlich unter kräftigem Applaus. Die Nähe zum Publikum setzt Heidi nach der Show fort: Lange Zeit bleibt die Sängerin am Merch-Stand präsent und nimmt sich ausgiebig Zeit für Gespräche sowie Autogramme.
Infected Rain fackeln nicht lange: Mit dem Tourtitel „Mutation Phase“ liefern die Moldawier einen programmatischen Einstieg, der die Marschrichtung für den Rest des Abends vorgibt. „The Answer Is You“ und „Dying Light“ halten den Druck auch weiter konstant hoch. Die Nu-Metal-Band glänzt durch eine Mischung aus klarem, melodischem Gesang, aggressivem Shouting sowie intensiven instrumentalen Schichten. Mit den Fan-Hymnen „Fighter“ und „Orphan Soul“ öffnet sich das Set; die Halle wird zum Chor, als die Refrains vielstimmig zurück auf die Bühne schallen. Während „Black Gold“ diese Melodiedichte weiter ausbaut, fungiert „Stranger“ als brutale Erinnerung an die Hardcore-Wurzeln der Band. Beeindruckend ist dabei das visuelle Konzept: Die LED-Flächen sind kein bloßes Beiwerk, sondern unterstreichen die Dynamik der Songs, ohne von der gewaltigen Bühnenpräsenz der Frontfrau Lena Scissorhands abzulenken.
Der Höhepunkt wird erreicht, als Heidi Shepherd für „The Realm of Chaos“ die Bühne stürmt. Was folgt, ist kein chaotischer Schlagabtausch, sondern ein perfekt abgestimmtes Duett zweier Metal-Ikonen, das sich nahtlos in das dichte Gefüge des Sets einfügt. Zum Finale ziehen Infected Rain die Daumenschrauben noch einmal an. „Ut Supra“ und „Pandemonium“ treiben die körperliche Intensität im Pit auf die Spitze – die Crowdsurfer segeln Richtung Graben. Nach dem Doppelpack aus „Never To Return“ und „Because I Let You“ setzt „Judgemental Trap“ den ultimativen Schlusspunkt und hinterlässt ein sichtlich erschöpftes, aber restlos begeistertes in der Alten Feuerwache Mannheim.