A Night To Be Torn Apart – Avatar zerlegen den Schlachthof Wiesbaden

A Night To Be Torn Apart – Avatar zerlegen den Schlachthof Wiesbaden
Avatar - 09.03.2026 Schlachthof Wiesbaden

Dichter Nebel und ein akustischer Hauch von Grusel-Jahrmarkt empfangen die Besucher am 3. März 2026 im Schlachthof Wiesbaden. Die „A Night To Be Torn Apart Tour 2026“ macht an diesem Abend Station in der hessischen Landeshauptstadt, und das Trio aus Avatar als Headliner sowie Alien Weaponry und Agabas im Vorfeld versprechen ein hartes Potpourri aus brachialer Avantgarde und theatralischem Metal.

Der Nebel steht wie eine Wand, das Licht bleibt spärlich, und irgendwo bewegt sich etwas. Agabas bahnen sich ihren Weg direkt aus dem Bühnengraben aufs Podium. Ein Manöver, das im im Düsteren fast unbemerkt bleibt – außer man steht den fünf Norwegern, wie der Autor dieser Zeilen, direkt im Weg. Die Band legt mit ihrer eigenen Interpretation von Death Metal los. Die Riffs sind brachial, die Stimme markerschütternd, doch es ist die Dominanz des Saxofons, die dem Sound eine extravagante, bisweilen fast anstrengende Note verleiht. Vielleicht trifft „Death Jazz“ den Sound besser. Bei „Volupsa“ wagt der Sänger den Ausflug direkt in die ersten Reihen. Es wird so heiß im Schlachthof, dass bald das Hemd des Frontmanns fällt. Während die Rhythmusfraktion den Sound weiter nach vorne treibt, lässt sich einer der Gitarristen spielend von der Menge tragen. Von „Overstimulert“ über „Vis meg alt“ bis hin zu „Megafon i et ekkokammer“ kommen nur wenige Ansagen von vorne, dafür umso mehr Bewegung im Publikum. Zum Finale stürzen sich Sänger und beide Gitarristen erneut ins Getümmel und hinterlassen eine Menge, die zwischen Faszination und leichter Überforderung schwankt.

Der Übergang zu Alien Weaponry gestaltet sich als Kontrastprogramm. Kaum ist Van Halens „Jump“ verklungen, zeigt sich das Trio mit einem Haka, jenem traditionellen Māori-Ritual, das Körper und Geist auf den Kampf einstimmt. Die Zielsetzung der Neuseeländer ist klar: „Wir wollen Moshpits sehen!“ Wiesbaden lässt sich nicht zweimal bitten. Musikalisch setzen sie auf Verdichtung ohne unnötige Übergänge oder lange Ansagen. Gitarre, Bass und Schlagzeug ergänzen sich gekonnt und kreieren ordentlich Volumen. Songs wie „Kai Tangata“ und „Rū Ana Te Whenua“ peitschen den Schlachthof weiter an, und nach einer knappen halben Stunde haben Alien Weaponry die Menge auf Betriebstemperatur geprügelt.

Dann bittet Avatar zur grotesken Audienz. Bei den Klängen von „Captain Goat“ aus der aktuellen Scheibe „Don’t Go In The Forest“ teilt sich das mittig stehende Schlagzeug, und ein langer Steg fährt wie ein Schiffsbug nach vorne. Drei Figuren in langen Mänteln mit Kapuzen erscheinen. Mitglieder der Band treten als düstere Gestalten auf, angeführt von einem Laterne tragenden „Bug-Mann“. Sänger Johannes Eckerström, der geborene Entertainer zwischen Joker-Wahnsinn und aristokratischer Eleganz, hat das Publikum sofort im Griff. „Wir sind eine Metal-Band … aus Schweden. Mein Deutsch ist nicht so gut, aber besser als euer Schwedisch“, amüsiert er sich trocken, bevor er mit „The Eagle Has Landed“ fortfährt.

Was die Band aus Göteborg hier auffährt, ist eine durchkomponierte Show, die fesselt und fasziniert. Zur Mitte des Sets entpuppt sich „The Dirt I Buried In“ als einer der größten Stimmungstreiber. Besonders die Gitarrenarbeit von Tim Öhrström und Jonas Jarlsby sorgt für Bewegung im Sound. Der Groove ist unwiderstehlich und zwingt selbst die letzten Skeptiker in Bewegung. Dabei vermeiden Avatar Monotonie, indem sie gezielt Kontraste setzen. Härte und Theatralik wechseln sich unentwegt ab. Auch visuell bleibt die Show in Bewegung: Die Bühne wandelt sich ständig, Elemente fahren auseinander und verschwinden wieder. Dazwischen singt, springt und lacht Eckerström als Dompteur des Wahnsinns.

Dass Avatar mehr können als nur „Show“, beweist der Moment, in dem der Sänger am Piano Platz nimmt. Die sanften Töne von „Howling Wave“ – eingeleitet durch „Torn Apart“ – sorgen für eine fast andächtige Stille. „Seit Jahren macht es Spaß auf der Bühne zu stehen. Wir wären dumm damit aufzuhören, wenn es mal weniger schön ist“, reflektiert der Sänger entwaffnend ehrlich über die Langlebigkeit der Band. Zu „Legend of the King“ thront einer der Gitarristen majestätisch über der Szenerie, während die Band auch anschließend mit „Let It Burn“ und „Tonight We Must Be Warriors“ die letzten Reserven aus dem Publikum kitzelt. Für die Zugabe legen sich die Schweden nochmals richtig ins Zeug. Mit „Don’t Go in the Forest“ präsentieren sie ein düsteres Highlight des neuen Albums, das live eine fast schon beklemmende Dichte entwickelt. Nach „Smells Like a Freakshow“ setzt die Band Wiesbaden mit „Hail the Apocalypse“ den finalen Schlusspunkt, bei dem die Fans jede Zeile mitbrüllen.

Avatar liefern im Schlachthof Wiesbaden eine fesselnde Show zwischen Gefühl und Wahnsinn ab, die nachhallt – vielleicht sogar eine Nacht, die auseinanderreißt.

Andreas Schieler

Leitung, Redakteur und Fotograf