Am Ostersonntag in den Abgrund – SKYND in der Batschkapp Frankfurt

Am Ostersonntag in den Abgrund – SKYND in der Batschkapp Frankfurt

Es ist Sonntag, Ostersonntag, der 5. Apirl 2026. Zugleich der Auftakt der Dead Serious Tour. In der Batschkapp hat Auferstehung an diesem Abend keine Bedeutung. SKYND betreten die Bühne ohne Vorband, ohne Übergang.
Der hintere Teil der Halle ist abgehängt, der Raum wirkt verdichtet, konzentriert auf das Geschehen vor der Bühne. Schwarz dominiert das Bild: Bandshirts, dunkle Silhouetten, vereinzelte thematische Outfits. Der vordere Bereich füllt sich gut, doch die Stimmung bleibt zunächst zurückhaltend. Dann kippt das Licht. In roter Schrift erscheint das Logo von SKYND. Die Band betritt die Bühne und der rote Nebel verschluckt die ersten Konturen.
Normalerweise beginnt ein Konzertbericht mit Musik. Dieser hier beginnt mit einem Gefühl. Einem, das man nicht so leicht abschüttelt. Denn was folgt, ist kein klassischer Einstieg, kein langsames Herantasten. SKYND eröffnen den Abend mit „Michelle Carter“. Ein Name. Ein Fall. Ein Opfer. Ihre Songs erzählen von realen Verbrechen, von Tätern und denen, die ihnen zum Opfer fielen. Keine Fiktion, keine Distanz. Nur Namen, Geschichten – und die Entscheidung, sie hörbar zu machen.
„I love you, I love you – now die.“
Die Worte fallen leise, beinahe sanft. Und gerade deshalb schneiden sie tiefer. Sie wiederholen sich, setzen sich fest, verweilen im Raum, während das Publikum zuhört oder längst Teil davon geworden ist oder sogar mitsingt. Und sie alle singen vom Tod.
SKYND steht im Zentrum, kontrolliert, präsent. Ihre Bewegungen sind nicht fließend, nicht organisch. Sie brechen ab, setzen neu an, wirken fragmentiert, fast wie aus einzelnen Bildern zusammengesetzt. Ein Arm hebt sich, stoppt abrupt. Die Finger verharren für einen Moment in der Luft, bevor sie sich wieder schließen. Die langen Fingernägel verstärken diesen Eindruck. Sie verlängern jede Bewegung, machen sie spitzer, unnatürlicher. Ihre Hände schließen sich als würden sich Klauen formen. Dazu diese Mimik, die sich ständig verschiebt, nie zur Ruhe kommt. Ein flüchtiger Anflug von Schmerz, der im nächsten Moment kippt. Ein Blick, der kurz Nähe zulässt und sie sofort wieder entzieht. Nichts daran ist beiläufig. Alles wirkt gesetzt, kontrolliert, fast sezierend.
Hinter ihr bleibt Father im Halbdunkel. Kaum greifbar webt er das musikalische Gerüst: Kalte Synthflächen, harte, präzise Beats. Ein pulsierender Unterbau, der sich unaufhaltsam durch den Raum zieht. Ein Klang, der festhält.
Mit jedem weiteren Song reiht sich ein neuer Name ein. Ein neuer Fall, eine neue Geschichte. „Elisa Lam“, „Tamara Samsonova“, „Armin Meiwes“, „Columbine“, „Jim Jones“. Namen, die für sich stehen. Namen, die Gewicht haben. Dieses Hin und Her passiert nicht sanft. Es reißt. Zwischen Empfinden und Kontrolle. Zwischen Nähe und Distanz. Zwischen etwas zutiefst Menschlichem und etwas, das sich dem entzieht.
Man beginnt unwillkürlich, in Skynds Gesicht nach Halt zu suchen. Nach einer klaren Emotion, einer eindeutigen Rolle. Doch genau die verweigert sie.

Die Songs entfalten sich nicht wie klassische Konzertstücke, sondern wie Aktenöffnungen. Mit jedem Track öffnet sich ein neuer Abgrund. Namen fallen, die schwer in der Luft hängen. Man kennt sie. Oder man glaubt, sie zu kennen. Doch in diesem Moment sind sie keine Schlagzeilen mehr. Bilder entstehen im Kopf, unausgesprochen und das Publikum ist nicht bloß Zuhörer. Es steht da wie gebannt, zwischen Faszination und Beklemmung. Manche tanzen, andere starren regungslos auf die Bühne.

Zwischen den Songs gibt es kaum Entlastung. Keine launigen Ansagen, kein Smalltalk. Stattdessen: Spannung. Atempausen, die sich anfühlen wie das Innehalten vor einer unausweichlichen Enthüllung. Wenn Skynds Stimme zwischen gehauchtem Flüstern und schneidender Klarheit wechselt, läuft einem unweigerlich ein Schauer über den Rücken.

Die Lichtstimmung bei SKYND ist kein bloßes Beiwerk, sondern ein integraler Teil der Inszenierung. Die Bühne taucht immer wieder in intensive Farbwelten aus Rot, Blau und Grün, die sich überlagern, brechen und neu formen. Mal wirkt alles glühend und körperlich nah, dann wieder kühl entrückt oder beinahe unwirklich. Stroboskopblitze zerreißen die Bewegungen in kurze, flüchtige Fragmente, während dichter Nebel die Lichtstrahlen sichtbar macht und ihnen Tiefe verleiht. Dadurch entstehen Bilder, die weniger von klaren Konturen leben als von Stimmungen und Silhouetten. Die Bühne wirkt dabei nie vollständig greifbar – eher wie ein Raum im ständigen Wandel. Im Zentrum steht dabei immer wieder SKYND, die aus dem Licht heraustritt, während Schlagzeug und Father an Bass und Synth häufig im Halbdunkel verschwinden. Diese bewusste Verschiebung von Sichtbarkeit lenkt den Blick und schafft eine klare visuelle Hierarchie, ohne die Energie der gesamten Band zu verlieren. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Präsenz und Entzug, zwischen Klarheit und Auflösung – ein visueller Sog, der das Publikum genauso in den Bann zieht wie der Sound selbst.

Ein SKYND-Konzert fühlt sich nicht wie Unterhaltung an.
Es fühlt sich an wie ein kontrollierter Kontrollverlust. Man steht dort, bewegt vom Beat, gebannt von der Inszenierung und spürt gleichzeitig dieses leichte Frösteln im Nacken. Weil man weiß: Das hier ist keine Fiktion. Diese Geschichten sind real. Diese Namen existierten. Diese Abgründe sind keine Metaphern.

Als das letzte Stück „Mikhail Popkov“ verklingt, bricht Applaus ud Jubel los. Doch er klingt nicht wie reine Euphorie. Eher wie das kollektive Ausatmen nach einer intensiven Konfrontation.
Das Licht kehrt zurück, wärmer, menschlicher.
Aber etwas bleibt. Ein Rest Gänsehaut. Ein Nachklang in der Magengrube. Und das irritierende Gefühl, dass man Schönheit und Schrecken gerade im selben Atemzug erlebt hat und es nicht bereut.

Setlist: Michelle Carter, Elisa Lam, Tamara Samsonova, Andrei Chikatilo, Armin Meiwes, John Wayne Gacy, Edmund Kemper, Richard Ramirez, Robert Hansen, Bianca Devins, Jimmy Savile, Mary Bell, Aileen Wuornos, Columbine, Heaven’s Gate, Gary Heidnik, Jim Jones, Tyler Hadley, Mikhail Popkov.

Silke Kemmer

Redakteurin und Fotografin