WIZO und Montreal bringen Saarbrücken das Licht

WIZO und Montreal bringen Saarbrücken das Licht

Normalerweise steht das Licht am Ende des Tunnels für Erlösung und darauf lassen wir uns gerne ein, wenn wir die ausverkaufte Garage in Saarbrücken am 27. März 2026 betreten. Unter dem Motto „Welt kaputt, Feiern gut“ zeigt das Punktrio mit Ursprung in Sindelfingen, dass es kein Widerspruch ist, trotz widriger Umstände unvernünftig vernünftig zu feiern. Und das machen sie gerne auf Tour und mit handverlesenen Gästen: Am heutigen Abend sind das Montreal aus Hamburg.

Wer schon einmal dabei war, weiß: Der WIZO stellt zu Beginn des Konzerts seine Gäste vor, schmiert den Saarbrückern gleich ordentlich Honig ums Maul und sorgt somit schonmal für beste Laune im vollen Club. Montreal legen auch gleich mit ihrem schnörkellosen Punkrock los,  palavern und schnacken, „was das Zeuch hält“, denn ausgelassene Leute laden zum friedlichen Pogo ein.

Gut beobachtete Alltagsschnipsel werden in leichtfüßige Songs mit eingängigen Refrains verpackt und –ohne kann man nicht mit WIZO touren – mit jeder Menge Selbstironie vorgetragen, was die bierselige Menge schnell in Wallung bringt. Sprechchöre werden schonungslos kommentiert, banale und aufrichtige Themen passen mühelos in Montreals Set („Alles fühlt sich falsch an“ für den verstorbenen Gitarristen von Sondaschule). Des Weiteren wird ein ramponierter, sternförmiger Ballon ausführlich kommentiert, mit einem gestrandeten Ostseewal verglichen. Einen so kurzweiligen Einstieg in ein Punkkonzert haben wir selten erlebt.

Mit einem spacigen Intro schweben die Schwaben um Punkt 21 Uhr auf die Bühne. Zu Gralsgesängen nehmen Axel, Ralf und Alex mit aufgeschnallten Lampen und Leuchtsonnenbrillen ihre Plätze ein und mit Sternregenpyro geht es zu „Einer von Milliarden“ los, führt gleich zur Eskalation erster Güte. WIZO nahm noch nie ein Blatt vor den Mund und das Publikum tut es ihm gleich: „F@ck dich“-Chöre gehen mühelos von den Zungen der Anwesenden.

Weiter geht’s mit Song 2, „Ganz Klar Gegen Nazis“, und man setzt sofort die Duftmarke, nein den Grundpfeiler ein jeder Veranstaltung, die das Trio organisiert. Ein „Kein Bock auf Nazis„-Stand scheint daher ein fester Bestandteil der Entourage zu sein. 

Die eigens designten Instrumente, welche je nach Instrumentenkorpus das Gerippe einer Kreatur zeigen und weitgehend in knalligen Farben gehalten sind, fügen sich nahtlos in das Bühnenkonzept ein, welches in Neonfarben gehalten ist und sich passend zu den Songs auch während der Show erweitert. In dieser spielen Totenschädel, Atompilze und Menschen in Ganzkörperanzügen eine tragende Rolle oder sind Requisiten, die im Verlauf unterschiedlicher Songs Verwendung finden.  Ralf Dietel, fast wie ein Weihnachtsbaum dekoriert mit Leuchtstäben in seinen charakteristischen Marsupilami-Rastas, ist fast ununterbrochen in Bewegung. 

Sein charismatischer Walk-Tanz treibt Stimmung und die Meute vor der Bühne so an, dass bisweilen zur Mäßigung aufgerufen werden muss. Sänger Axel bittet, dass die ausgelebte Vorfreude nicht ausartet, auch nicht bei denen, die schon seit Beginn etwas „drüwer“ zu sein scheinen. Damit verfolgt er nur beste Absichten, denn auch als Punkband, welche die Wut der Menschen auf System und Politik versteht, kanalisiert und bisweilen zu Aktionismus und Widerstand aufruft, muss man manchmal daran erinnern, dass Solidarität durch ein respektvolles Miteinander entsteht. Ein Motiv, welches sich durch die ganze Show zieht, und auch in Axels ausführlichen Ansagen über Probleme wie mentale Gesundheit, Ungerechtigkeit, fehlende Solidarität und die Bedrohung durch den Rechtsextremismus Thema ist.

Dazwischen aber steht der Spaß im Vordergrund und die Reizwortsammlung eines gelungenen Punkkonzerts kommt vollständig zum Einsatz: Anarchie, Fick die AFD, Scheißsystem, Alerta Antifaschista, klare Kante gegen Nazis, Wahnsinn, Revolution etc.

Dabei bedienen sich WIZO in ihrem runden Programm aus ca. 40 Jahre Bandgeschichte, Songs wie „Seegurke“, „das goldene Stück“, „Grauer Brei“ und weitere Gassenhauer (v.a. vom international erfolgreichen  Album „Uarghhhhh“) finden wir ebenso im Set vertreten, wie die neue Single „Rakäthe bringt das Licht“, für die sich grüne wie Atompilze geformte Ballons mit Totenkopffratzen am Bühnenrand errichten. Politik und Nonsens werden ohne Widerspruch nebeneinander in eingängige Songs gepackt, deren mehrstimmiger Ausklang immer wieder überraschende musikalische Elemente („Wind of Change“) einbinden und mit Schunkelparts zum Mitsingen verleiten sollen. Pfeifen, Summen und Gröhlen als  Variation der Konversation mit dem Publikum und Thesen zum 21. Jahrhundert („der Bienenstock der Menschheit muss die Anarchie übernehmen“) stärken das Gemeinschaftsgefühl der Anwesenden, weshalb sich die Band erklärtermaßen als DER WIZO bezeichnet: Die Band, ihre Geschichte und ihre Fangemeinde wird als Einheit definiert. Und es funktioniert: Bei „Königin“ singen alle gehorsam mit.

In ernsten Momenten spricht Axel von verlorenen Freunden, überwundenen Krisen oder gesellschaftlichen und persönlichen Tief- aber auch Höhepunkten, welche Anlass für diverse Liedtexte boten. 

Eine wilde und abwechslungsreiche Punk-Show neigt sich  mit „Hässliche Punker“ dem Ende zu. Mit „Ich war, ich bin und ich werde sein“ blicken WIZO mit Fokus, Selbstironie und auch ein wenig Zynismus auf eine 40-jährige Karriere zurück und „die letzte Sau“ katapultiert uns nach draußen ins Licht der Saarbrücker Nacht. Es wurde gefeiert und wir haben das Licht gesehen, dem wir auch sicher bei der nächsten Tour wieder entgegenlaufen werden. 

Sebastian Wienert

Redakteur und Fotograf