Wörrstadt: 13. Neuborn Open Air Festival bei „rain or shine“

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„Hey NOAF“ haben dieses Jahr wieder Musikfreunde der härteren Gangart über das Festivalgelände bei Wörrstadt geschmettert. Denn beim 13. Neuborn Open Air Festival am 25. und 26. August 2017 ist von Vintage-Rock bis Hardcore für jeden Metalhead das Passende dabei gewesen. An den beiden Festivaltagen knallte es so richtig, sowohl musikalisch als auch wetter-technisch, und die 15 Bands sorgten für ausgelassene Stimmung.

Bei sommerlichen Temperaturen eröffnet am Freitagmittag der Veranstalter die 13. Ausgabe des Neuborn Open Air Festivals, das stets am Ende der Festivalsaison stattfindet. Aber „das Beste kommt bekanntlich zum Schluss“ betont der sympathische Moderator „Zahni“ in seiner Eröffnungsansprache. Voll motiviert übergibt er kurze Zeit später die Bühne an Igel vs. Shark, die mit „I lose control because of Rock ’n’ Roll“ wahrscheinlich auch das Motto des Wochenendes vorgeben. So oder so ähnlich dürfte sich so mancher Metalhead dann im Circle Pit bei der zweiten Band gefühlt haben. Mit ihrem Speed-Metal bringen Dust Bolt richtig Schwung in die teils im Kreis rennende und dabei rempelnde Menge, darunter eine handvoll Mutiger, die sich in Gegenrichtung durchkämpfen, und irgendwie mittendrin ein Typ im rosafarbenen Hasenkostüm. Sind das schon die ersten Anzeichen von Kontrollverlust? Vielleicht bei Nasty, der nächsten Band, welche das volle Hardcore-Brett bei etwas matschigem Sound ablieferten.

Was dann kam, war auch unkontrolliert: Ein Grollen überzieht das Gelände. Blitze zucken am Himmel und schlagen eindrucksvoll in der Umgebung ein. Zum Intro von Bullet ergießt sich schließlich ein heftiger Wolkenbruch, der zur vorzeitigen Unterbrechung des Neuborn Open Air Festivals führt. Während den folgenden 45 Minuten suchen die Meisten Schutz unter dem großen Zelt, in dem es lecker Essen sowie genug Flüssignahrung zu günstigen Preisen gibt. Doch ein Metaller lässt sich vom Wettergott nicht die Laune verderben. Ausgelassen feiern die Hartgesonnenen die Blitze und singen dazu „We Will Rock You“ oder „NOAF ist nur einmal im Jahr“. Dank hervorragender Arbeit der Technik-Crew geht es mit etwa einer Stunde Verzögerung bei gutem, alten 80er-Hardrock-Sound weiter. Bullet stehen auf der noch feuchten Bühne und sind abwechslungsreich wie auch mitreißend, so dass alle am Ende „Bite the Bullet“ mitgrölen. Mit entsprechender Verspätung legen Crowbar vor recht gewaltiger Fanbase los. Die eingängigen, harten Riffs erzeugen die passende Stimmung zur einsetzenden Dämmerung. Dagegen erklingen Sólstafir im Anschluss eher ruhig, fast schon meditativ in die Nacht von Wörrstadt. Mit ihrem sphärischen Sound – wobei ein Lied schon mal fast zehn Minuten dauern kann – sind die vier Isländer im spärlichen Licht aber mehr die Ruhe vor dem Sturm. Soilwork beenden ersten NOAF-Tag energiegeladen. Moshpits, Headbangers und Croudsufer prägen die vorderen Reihen. Die Menge ist nach der Erholung wieder voll dabei und feiert bis zum Ende nach Mitternacht.

Tag Zwei beginnt mit weniger Hardcore, dafür mit mehr Rock und vor allem mit noch höheren Temperaturen. Der Wettergott ist wieder mit uns, zum Leidwesen derer, die noch einen dicken Schädel vom Vortag haben. Bei Far From Ready ist nun wohl auch der letzte auf dem Campingplatz wieder wach. Die Band lässt es wie anschließend Animal Bizarre mit handfesten Rocksound für das Festival entsprechend gemütlich angehen. Selbst „von der Sonne verstimmten Gitarren“ lässt man sich nicht aus der Ruhe bringen. Derweil brennt die Sonne über dem Festivalgelände, auf dem nun fünf Dänen im komplett schwarzen Outfit ihren letzten Schweißtropfen vergießen. I’ll Be Damned überzeugen durch düster-harten Rocksound aber auch durch starke Bühnenpräsenz. Hin und wieder verlässt der Sänger die Bühne, um sich zum Publikum zu gesellen oder nur mal kurz Schabernack mit der stets freundlichen Security zu treiben. Jene sorgt immer wieder mit einem Wasserschlauch zur Freude der Festivalbesucher für feucht-fröhliche Abkühlung. Horisont präsentieren sich im Vintage-Look und entsprechendem Sound. Bei den Schweden, mit mindestens drei Bier neben jedem Monitor, füllt sich der Vorplatz weiter – ein Zeichen, dass der Retro-Sound noch immer Anklang findet. Zwischen den Gigs bleibt kurz Zeit, um an den Merch-Ständen zu stöbern oder unter dem riesigen Zelt, das noch zuvor Schutz vor den himmlischen Wassermassen bot, im kühlen Schatten etwas zu essen bzw. sein Bier zu genießen. Im Fokus steht jetzt wieder Zahni, der sich all den Bands bedankt und vor allem bei den Helfern, die alle ehrenamtlich in den zwei Tagen tolle Arbeit leisten. 

Nior kam spontan für Adept, die aus persönlichen Gründen kurz vorher absagten. Die Hardcore-Band lässt die Menge „bouncen“ oder im Circle Pit schwitzen … und irgendwie mittendrin wieder der rosa Hase. Als bisher einzige Band dürfen die jungen Gladbacher eine Zugabe geben. Das Publikum zollt Respekt für die Spontanität und das große Engagement. Danach liefern Havok wohl den unterhaltsamsten Soundcheck ab. Ob mit „The Simpsons“-Melodie oder Anspielungen auf bekannte Metalhits beginnt die Show schon vor dem eigentlichen Auftritt, bei dem sie genauso kompromisslos brachial anknüpften wie die Band zuvor. Zu der US-amerikanischen Metal-Band ist der Platz jetzt deutlich voller. Und während die Temperaturen in der unter gehenden Sonne sinken, steigt die Stimmung stetig an. Geschichten von Depressionen, Trump und Toleranz erfährt das Auditorium dann bei Ignite, aber auch einen gewaltigen Mix aus alten und neuen Songs. Zwischendurch kommt eine Ballade zum „Slow Down“, die aber auch die einzige Verschnaufpause sein soll, bevor es am Ende mit dem U2-Cover „Sunday Bloody Sunday“ ausklingt. Zum Abschluss erschallen die dumpfen, dunklen Töne von Paradise Lost über das NOAF, um mit einem bunten Mix aus alten Liedern, aus einer Zeit, in der viele der Besucher laut Sänger noch „a twinkle of a star“ waren, aber vor allem Songs aus dem neuen Album zu präsentieren. Die Engländer geben sich gewohnt zurückhaltend, jedoch vom Publikum und Zahni gefeiert. Es ist ein Gelungener Abschluss eines großartigen Festivals, das sowohl wieder mit hochkarätigem Line-Up als auch durch familiäre Atmosphäre begeistert. Beim 13. Neuborn Open Air Festival passt wieder mal die schwermetallische Mischung und herzliche Engagement. Und das soll auch 2018 so sein, wenn unter anderem Orden Organ rockt. In dem Sinne: Hey NOAF!

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